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1.

Hatte die Urkirche schon geweihte Altäre?

 

Schon im Hebräerbrief wird ein Altar bezeugt

Schon im Hebräerbrief wird ein christlicher Altar erwähnt, wenn dabei auch offenbleibt, ob es sich um einen geweihten oder ungeweihten Altar handelt. Der betreffende Vers lautet:

Wir haben einen Altar, davon kein Recht haben zu essen, die der Stiftshütte dienen.
(Hebr 13,10)

Zum rechten Verständnis dieses Satzes ist es zunächst nötig, zu verstehen, welche Personen mit den Worten „die der Stiftshütte dienen“ gemeint sind. Das Wort, das die Lutherbibel mit „Stiftshütte“ übersetzt, heißt im Griechischen „Zelt“. Gemeint ist das alttestamentliche Kult-Zelt, jenes transportable Heiligtum, das Mose nach den Vorschriften Gottes hergestellt hat, und das noch bis zur Zeit des Salomo vorhanden war1. Später konnte das Wort „Zelt“ dann auch als Bezeichnung für den steinernen Tempel in Silo oder in Jerusalem dienen2. In diesem Sinn wird es auch in Hebr 13,10 gebraucht. Mit denen, „die der Stiftshütte dienen“, sind also die Juden gemeint, die nicht an Jesus Christus glauben, sondern sich weiterhin zum jüdischen Tempelkult halten.

Hebr 13,10 sagt also: Ein Jude, der das Kreuzesopfer Christi ablehnt und sich weiterhin zum jüdischen Opferkult hält, hat kein Recht, Speise vom christlichen Altar zu empfangen. Um welche Speise kann es sich dabei handeln? Die Antwort ist klar: Der Hebräerbrief spricht vom heiligen Abendmahl - und das wurde schon damals ganz offensichtlich auf einem Altar eingesetzt.

Nun könnte man vielleicht fragen: Muß das Wort „Altar“ wörtlich verstanden werden, oder könnte es sich dabei um irgendetwas anderes in irgendeiner übertragenen Bedeutung handeln? Wenn diese Frage gestellt wird, ist es nötig, sich an eine alte Auslegungsregel zu erinnern. Die Regel lautet: Alles, was man in der Bibel wörtlich verstehen kann, muß, wenn es nicht klare Gegengründe gibt, wörtlich verstanden werden. Wo kämen wir hin, wenn wir beispielsweise bei der Geschichte von der Speisung der Fünftausend erklärten, mit Brot sei nicht wirkliches Brot gemeint, sondern etwas ganz anderes, etwas Übertragenes? Oder mit „Fünftausend“ sei keine Zahl, sondern etwas anderes gemeint? Wo kämen wir hin, wenn mit dem Kreuz Jesu und mit seinem Tod etwas anderes gemeint wäre, als die Worte in ihrem wörtlichen Verständnis bedeuten?

Es handelt sich also um einen ganz wichtigen Grundsatz der Schriftauslegung, daß alles das, was wörtlich verstanden werden kann, auch wörtlich verstanden werden muß. Und nach diesem Grundsatz kann es sich bei dem im Hebräerbrief erwähnten Altar nur um einen wirklichen Altar gehandelt haben.

Nun wird gegen den klaren exegetischen Befund von vielen Theologen allerdings doch ein Einwand geltend gemacht. Der Einwand ist grundsätzlicher Art. Es wird nämlich immer wieder behauptet, das von Jesus intendierte Christentum sei grundsätzlich unkultisch gewesen und es könne deshalb keine wirklichen, kultischen Altäre im urchristlichen Gottesdienst gegeben haben. Man habe vielmehr das Abendmahl auf einfachen, profanen Tischen eingesetzt. So erklärt beispielsweise das „Lehrbuch der Liturgik“ von Rietschel/Graf3:

Im NT findet sich für die erste Christengemeinde kein besonderes dem Altar des alten Bundes entsprechendes Gerät des Gottesdienstes. Mit den Opfern ist auch die gottesdienstliche Opferstätte aufgehoben. Der Altar des neuen Bundes ist das Kreuz Christi, an dem das Opfer dargebracht ist (Hebr 13,10. 10,11ff.).

Im gleichen Sinn äußert sich auch das katholische „Pastoral-liturgische Lexikon“4:

Der Opferkult des AT ist mit dem Kreuzestod Christi außer Kraft gesetzt, ein Altar im heidnisch-jüdischen Sinn darum nicht mehr möglich. Aus praktischen Gründen braucht die christliche Gemeinde jedoch für die Feier des eucharistischen Opfermahles einen Tisch, der jeweils vor dem Gottesdienst aufgestellt und auf dem die eucharistischen Gaben niedergelegt werden. Vom 4. Jahrhundert an setzt sich allmählich der steinerne und unbewegliche Tisch durch ...

Weitere Zitate im gleichen Tenor ließen sich noch leicht aufführen. Wir haben es hier mit einer weit verbreiteten Meinung zu tun: Die Urkirche habe ursprünglich keine Altäre gehabt. Kultisch-sakrale Altäre hätte es erst später gegeben, nachdem sich in der alten Kirche langsam eine entsprechende sakralisierende Theologie entwickelt habe.

Die Auffassung von einem ursprünglich unkultischen Christentum geht letztlich auf Zwingli und Calvin zurück. Sie hat zunächst den Calvinismus stark geprägt, ist dann aber auch ins Luthertum eingesickert, hat einen vorläufigen Höhepunkt gefunden in Bonhoeffers Forderung nach einem „religionslosen“ Christentum und hat in den letzten Jahrzehnten auch zu heftigen Auseinandersetzungen innerhalb der katholischen Theologie geführt. Ich habe mich mit der Behauptung, Jesus habe ein zunächst unsakrales Christentum begründet, an anderer Stelle ausführlich auseinandergesetzt5. Ich möchte das hier nicht alles wiederholen und mich nur auf das stärkste Argument beschränken, das in diesem Zusammenhang vorgebracht wird, das auch in den beiden obigen Zitaten die entscheidende Rolle spielt.

Es geht um das Argument, mit dem einmaligen und für alle Zeiten ausreichenden Opfertod Jesu Christi seien alle weiteren Opfer aufgehoben und das bedeute, daß es auch keine kultische Opferstätte mehr geben könne. In diesem Argument steckt zunächst ein wichtiger Wahrheitskern. Es stimmt ja, daß Jesus am Kreuz ein solch großes und einmaliges Opfer gebracht hat, daß es danach kein weiteres Sühnopfer braucht und geben kann. Dies ist ja eine ganz wichtige, mehrfach unterstrichene Aussage des Hebräerbriefes:

Nun aber, am Ende der Zeiten, ist er (= Jesus) einmal erschienen, durch sein eigen Opfer die Sünde aufzuheben. Und wie den Menschen gesetzt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht: so ist Christus einmal geopfert, wegzunehmen vieler Sünden ...
(Hebr 9,26-28)

... mit einem Opfer hat er für immer vollendet, die geheiligt werden.
(Hebr 10,14)

Wo aber Vergebung der Sünden ist, da geschieht für sie kein Opfer mehr.
(Hebr 10,18)
.

Man darf aus diesen Versen allerdings keinen falschen Schluß ziehen. Das Kreuzesopfer Jesu ist zwar einmalig und für alle Zeiten ausreichend, und es schließt insofern tatsächlich jedes weitere Sühnopfer aus, aber damit ist noch nicht gesagt, daß die Kirche nicht doch in jedem Abendmahlsgottesdienst einen wirklichen Opfergottesdienst feiert.

Daß dies der Fall ist, daß auch der christliche Gottesdienst ein Opfergottesdienst ist, ist eine ebenfalls wichtige Aussage des Hebräerbriefes, die vielfach übersehen wird. In Hebr 10,24-29 wird die gottesdienstliche Versammlung der Christen nämlich als eine Versammlung beschrieben, in der es - trotz der oben genannten Einschränkung - um das im Gottesdienst präsente Opfer Christi geht. Das hat nach dem Hebräerbrief zur Folge, daß derjenige Christ, der nicht zum Abendmahlsgottesdienst kommt, keinen Anteil am Opfer Christi hat:

... lasset uns ... nicht verlassen unsere Versammlung, wie etliche pflegen ... Denn so wir mutwillig sündigen, ... haben wir hinfort kein andres Opfer mehr für die Sünden, sondern es bleibt nichts als ein schreckliches Warten auf das Gericht und das gierige Feuer, das die Widersacher verzehren wird. Wenn jemand das Gesetz des Mose bricht, der muß sterben ohne Barmherzigkeit auf zwei oder drei Zeugen hin. Wieviel ärgere Strafe, meinet ihr, wird der verdienen, der den Sohn Gottes mit Füßen tritt und das Blut des Bundes unrein achtet, durch welches er doch geheiligt wurde, und den Geist der Gnade schmäht?
(Hebr 10,24-29)

 

Das Fernbleiben von der „Versammlung“ betrachtet der Hebräerbrief also als mutwillige Sünde. Daß es sich dabei um den Abendmahlsgottesdienst handelt, ergibt sich klar aus dem Zusammenhang. Mit dem „Blut des Bundes“ ist offenkundig der konsekrierte Abendmahlswein gemeint. Der dazu in Parallele erwähnte „Sohn Gottes“ ist das konsekrierte und in den Leib Christi gewandelte Brot. Das Abendmahl wird insgesamt als „Opfer“ bezeichnet. Wer dem Abendmahlsgottesdienst fernbleibt oder ihn vorzeitig verläßt, hat „kein Opfer“.

Wir sehen: Nach dem Hebräerbrief ist der Abendmahlsgottesdienst trotz des einmaligen, abschließenden und jedes weitere Opfer ausschließenden Kreuzestodes Christi ein Opfergottesdienst. Es wird zwar kein neues Opfer vollzogen, es geht aber dennoch um das Kreuzesopfer Christi.

Die verschiedenen Aussagen des Hebräerbriefes sind nur scheinbar widersprüchlich. Sie sind leicht in Übereinstimmung zu bringen, wenn man von einem lutherischen oder katholischen Abendmahlsverständnis ausgeht. Nach der gemeinsamen Überzeugung aller im weitesten Sinn katholischen Konfessionen ist ja Jesus Christus im Abendmahl realpräsent zugegen. Das konsekrierte Brot ist der wahre Leib Christi. Der konsekrierte Wein ist das wahre Blut Jesu Christi. Beides befindet sich getrennt auf dem Altar - getrennt, wie auf Golgatha, wo der größtenteils leergeblutete Leib Jesu am Kreuz hing, während sein Blut durch die Fußwunden auf den Boden geflossen war. Man kann ja sagen: Die Kreuzigung ist eine Todesstrafe, bei der Leib und Blut getrennt werden und der Tod vor allem durch den langsamen Blutverlust eintritt. Das bedeutet: Beim heiligen Abendmahl sind nicht nur der Leib und das Blut Christi an sich realpräsent; real gegenwärtig ist auch die gesamte Opfersituation! Mit anderen Worten: Beim Abendmahl ist das gesamte Kreuzesopfer Christi auf sakramental geheimnisvolle Weise realpräsent. Beim Abendmahl wird also kein neues Opfer vollzogen, es ist aber das frühere, einmalige, immergültige Opfer erneute Gegenwart.

Man kann es auch etwas anders ausdrücken: Die Schlachtung des Kreuzesopfers war einmalig, aber die Darbringung, das heißt: das ständig neue Gott-vor-Augen-Stellen des Opfers, ist durch seine Realpräsenz im Abendmahl immer wieder neu möglich. Das Wort „Opfer“ hängt ja sprachlich mit dem Wort „Offerte“ zusammen!

Nun gibt der Hebräerbrief selber ja keine ausführliche Erklärung, warum trotz des einmaligen und ausschließlichen Sühnopfers Christi am Kreuz auch der Abendmahlsgottesdienst als „Opfer“ bezeichnet werden kann. Aber soviel ist zumindest klar: Die Behauptung, mit dem Opfertod Christi hätten alle weiteren Opfergottesdienste aufgehört, ist eine Halbwahrheit. Zur ganzen Wahrheit gehört auch die Aussage: Nach dem Hebräerbrief ist auch der Abendmahlsgottesdienst noch ein „Opfer“. Wenn das aber stimmt, wie kann dann jemand behaupten, für dieses Opfer sei ein wirklicher Altar unangemessen oder undenkbar oder auch nur unwahrscheinlich? Das Gegenteil ist der Fall: Wenn der Abendmahlsgottesdienst wirklich ein Opfer ist, dann ist es auch angemessen, wenn zu diesem Opfer ein Altar gehört.

Wir sehen also: Nicht nur der erste, unvoreingenommene Blick auf Hebr 13,10 bezeugt, daß die Urkirche zur Abendmahlsfeier einen Altar benutzte, diese Aussage wird zusätzlich bestätigt durch die unverkürzte Gesamtaussage des Hebräerbriefes.

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Wenn übrigens das katholische „Pastoral-liturgische Lexikon“ von einem Altar im „heidnisch-jüdischen“ Sinn spricht, so sollte man über eine solche erstaunliche Formulierung nicht einfach hinweglesen, sondern sich Gedanken dazu machen. Hier wird ja der alttestamentliche Kultus mit seinen von Gott gegebenen Vorschriften für die Altäre und ihre Weihe in die Nähe des Heidentums gerückt, falls nicht sogar mit ihm auf eine Stufe gestellt. Damit wird, wenn auch unausgesprochen, der mosaische Kultus und seine Sakralität - denn es geht ja in diesem Zusammenhang um die Sakralität der Altäre - mehr oder weniger als heidnisch diffamiert und abgewertet. Das ist sicherlich nicht biblisch gedacht. Nach dem Hebräerbrief ist der alttestamentliche Kultus zwar unvollkommen, weil die Sünde der Menschen zu groß ist. Es wird ihm aber nicht seine grundsätzliche Heiligkeit und Würde bestritten.

Auch der Römerbrief äußert sich übrigens sehr anerkennend über den jüdischen Gottesdienst, wenn dort der Apostel Paulus über die Juden, seine geliebten Stammesverwandten im Fleisch, schreibt:

die da sind von Israel, welchen die Kindschaft gehört und die Herrlichkeit und der Bund und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen ...
(Rm 9,4)

In diesem Sinn ist zweifellos auch der Hebräerbrief zu verstehen. Wenn dagegen ein heutiges theologisches Lexikon in diesem Zusammenhang mit dem jüdischen Gottesdienst den Ausdruck „heidnisch-jüdisch“ gebraucht, so liegt hier ein Zungenschlag vor, der sich zwar nicht deutlich artikuliert, der aber doch tief schließen läßt. Letztlich steht nämlich bei allen - das ist jedenfalls zu vermuten - die einen sakralen Gottesdienst oder sakrale Altäre ablehnen, im Hintergrund die Meinung, alles Sakrale sei eigentlich heidnisch oder magisch oder okkult - in jedem Fall ein Abfall von der eigentlichen biblischen Gottesverehrung. Wer aber eine solche Meinung hegt, sei es bewußt oder nur als ein unbewußtes Empfinden, der hat in Wirklichkeit die Bibel gegen sich - und zwar die ganze Bibel! Er möge sie nur einmal unvoreingenommen lesen!

 

Auch der 1. Korintherbrief bezeugt den Gebrauch eines Altares

Es gibt noch eine zweite Stelle im Neuen Testament, die uns bezeugt, daß zum urchristlichen Gottesdienst ein Altar gehört. Aber auch hier sträuben sich viele Theologen anzuerkennen, daß von einem wirklichen Altar die Rede ist. Im Zusammenhang mit der Frage, ob Christen sogenanntes „Götzenopferfleisch“ essen dürfen, also Fleisch von Tieren, die auf heidnisch-rituelle Weise geschlachtet worden sind, schreibt der Apostel Paulus im 1. Korintherbrief:

Darum, meine Lieben, fliehet den Götzendienst! Als mit Klugen rede ich; urteilet ihr, was ich sage. Der gesegnete Kelch, welchen wir segnen, ist der nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi? Denn ein Brot ist´s, so sind wir viele ein Leib, weil wir alle eines Brotes teilhaftig sind. Sehet an das Israel nach dem Fleisch. Welche die Opfer essen, sind die nicht in der Gemeinschaft des Altars? Was will ich nun damit sagen? Daß das Götzenopfer etwas sei? Oder daß der Götze etwas sei? Nein; sondern was die Heiden opfern, das opfern sie den bösen Geistern und nicht Gott. Nun will ich nicht, daß ihr in der Teufel Gemeinschaft sein sollt.

Ihr könnt nicht zugleich trinken des Herrn Kelch und der Teufel Kelch; ihr könnt nicht zugleich teilhaftig sein des Tisches des Herrn und des Tisches der Teufel.
(1.Kor 10,14-21)

Die Weisung des Apostels lautet also: Ein Christ darf kein Götzenopferfleisch essen, und zwar deshalb nicht, weil er dadurch in die Gemeinschaft mit den Dämonen gerät. Das aber darf er nicht, weil er ja in der Gemeinschaft mit Jesus Christus steht.

Im Einzelnen führt der Apostel aus: Wer am Abendmahl teilnimmt, steht in der Gemeinschaft sowohl mit dem Leib und Blut Jesu Christi, also mit Christus selber, als auch mit allen christlichen Kommunikanten. Das ist ein ähnlicher Vorgang, wie er sich bei der Opfermahlzeit des bisherigen jüdischen Kultes vollzieht. Auch dort wird durch das gemeinsame Opfermahl eine „Gemeinschaft des Altares“ konstituiert, womit sicherlich ebenfalls gemeint ist: eine Gemeinschaft mit Gott und allen Kommunikanten. Das Gleiche geschieht nun aber auch beim Genuß des Götzenopferfleisches. Auch hier entsteht - ob gewollt oder nicht - eine Gemeinschaft mit den heidnischen Göttern bzw mit den Dämonen, die sich hinter den Namen der heidnischen Götter verbergen. Ein Christ, der am Abendmahl teilnimmt, zugleich aber auch Götzenopferfleisch ißt, hat also Gemeinschaft sowohl mit Jesus Christus als auch mit den Dämonen. Das aber ist nicht erlaubt.

In diesem Zusammenhang, wo Paulus mit dem christlichen Abendmahl, dem jüdischen Altar und Opfermahl wie auch mit dem heidnischen Opfer argumentiert, spricht er nun auch vom „Tisch des Herrn“. Was könnte mit diesem bildhaften Ausdruck gemeint sein? Muß man hier nicht unwillkürlich an einen christlichen Altar denken - falls man diesen Gedanken nicht aus grundsätzlichen Erwägungen unterdrückt?

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Wenn nun jemand meint, es sei eine unsichere Vermutung bei den Worten „Tisch des Herrn“ an einen christlichen Altar zu denken, möchte ich auf einige weitere Bibelstellen hinweisen, die unsere Vermutung klar bestätigen. Der Begriff „Tisch des Herrn“ kommt nämlich mehrfach im Alten Testament vor, und da meint er mit absoluter Sicherheit den jüdischen Opferaltar. Im Buch des Propheten Maleachi heißt es:

Bin ich Herr, wo fürchtet man mich? spricht der HERR Zebaoth zu euch Priestern, die meinen Namen verachten. Ihr aber sprecht: „Wodurch verachten wir denn deinen Namen?“ Dadurch daß ihr opfert auf meinem Altar unreine Speise. Ihr aber sprecht: „Womit opfern wir dir denn Unreines?“ Dadurch daß ihr sagt: „Des HERRN Tisch ist für nichts zu achten.“ Denn wenn ihr ein blindes Tier opfert, so haltet ihr das nicht für böse; und wenn ihr ein lahmes oder ein krankes opfert, so haltet ihr das auch nicht für böse. Bring es doch deinem Fürsten! Meinst du, daß du ihm gefallen werdest oder daß er dich gnädig ansehen werde? spricht der HERR Zebaoth.
(Mal 1,6-8)

Diese Worte sind ja leicht zu verstehen. Es geht um Gottes Zorn darüber, daß auf seinem Altar von ehrfurchtslosen Priestern kranke oder lahme Tiere geopfert werden. Dabei werden die Taten und die Worte der Priester in Parallele gesetzt. Ihre Tat ist, daß sie unreine Speise auf dem Altar Gottes opfern. Ihre Worte - gemeint sind vielleicht nur ihre Gedanken - sind: „Des HERRN Tisch ist für nichts zu achten.“ In Parallele stehen also auch „mein Altar“ und „des HERRN Tisch“. Daraus ergibt sich eindeutig, daß der Begriff „Tisch des HERRN“ Synonym für den göttlichen Altar ist.

Maleachi wiederholt dann wenige Verse später den Ausdruck „Tisch des HERRN“ mit einer kleinen Variation:

... vom Aufgang der Sonne bis zum Niedergang ist mein Name herrlich unter den Heiden, und an allen Orten wird meinem Namen geopfert und ein reines Opfer dargebracht; denn mein Name ist herrlich unter den Heiden, spricht der HERR Zebaoth. Ihr aber entheiligt ihn damit, daß ihr sagt: „Des Herrn Tisch ist unheilig, und sein Opfer ist für nichts zu achten.“
(Mal 1,11+12)

Es ist bei Maleachi also einmal vom „Tisch Jahwes“ und das andere Mal vom „Tisch des Herrn“ die Rede. In der Septuaginta heißt es beidemale „Trapeza kuriou“.

Von einem „Tisch“ des HERRN, mit dem ganz eindeutig ein Altar gemeint ist, ist übrigens auch bei Hesekiel mehrfach die Rede. In einer Vision, bei der dem Propheten das zukünftige Heiligtum gezeigt wird, weist ein Engel auf einen zukünftigen hölzernen Altar hin, den er als „Tisch“ bezeichnet:

Und vor dem Allerheiligsten stand etwas, das aussah wie ein Altar aus Holz; der war drei Ellen hoch und zwei Ellen lang und breit und hatte Ecken, und sein Fuß und seine Wände waren aus Holz. Und er sprach zu mir: Das ist der Tisch, der vor dem HERRN steht.
(Hes 41,21+22)

Mit diesem hölzernen Altar vor dem Allerheiligsten wird wohl ein Räucheraltar gemeint sein (vgl 2.Mose 30,1-6) oder vielleicht auch der Schaubrottisch, der vielleicht deshalb auch als Altar bezeichnet werden konnte, weil mit ihm das alttestamentliche Trankopfer verbunden war (vgl 2.Mose 25,23-30). Bei dem zweiten „Tisch“ handelt es sich jedoch eindeutig um den steinernen Brandopferaltar:

Aber die levitischen Priester, die Söhne Zadok ... sollen vor mich treten, um mir zu dienen, und vor mir stehen, um mir Fett und Blut zu opfern, spricht Gott der HERR. Sie sollen hineingehen in mein Heiligtum und vor meinen Tisch treten, um mir zu dienen, und sollen meinen Dienst tun.
(Hes 44,15+16)

Es gibt noch eine dritte Stelle im Hesekielbuch, wo mit einem „Tisch“ offenbar ein Opferaltar gemeint ist. Allerdings ist hier nur im übertragenen Sinn vom Altar die Rede. Mit den folgenden Worten werden die Vögel und die wilden Tiere eingeladen, die im Endzeitkrieg getöteten Feinde Israels als Opfermahl zu verspeisen:

Und ihr sollt Fett fressen, bis ihr satt werdet, und Blut saufen, bis ihr trunken seid von dem Schlachtopfer, das ich euch schlachte. Sättigt euch von Rossen und Reitern, von Starken und all den Kriegsleuten an meinem Tisch, spricht Gott der HERR.
(Hes 39,19+20)

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Wir sehen, es handelt sich bei „meinem Tisch“ oder beim „Tisch des HERRN“ oder beim „Tisch des Herrn“ um eine fest geprägte Begrifflichkeit, die auf verschiedene Weise einen Altar bezeichnet. Wenn nun der Apostel Paulus diese Begrifflichkeit aufnimmt und im Zusammenhang mit Altar, Opfermahl und kultischer Gemeinschaft von einem „Tisch des Herrn“ spricht, so ist damit auch bei ihm ganz ohne Zweifel ein Altar gemeint. Das heißt: Wie der Hebräerbrief bezeugt auch der 1. Korintherbrief einen Altar zur Feier des heiligen Abendmahls.

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Wenn das noch nötig sein sollte, möchte ich darauf hinweisen, daß verschiedene alttestamentliche Exegeten unsere Auslegung bestätigen, daß mit dem „Tisch   des HERRN“ ein Altar gemeint ist. So erklärt beispielsweise Wilhelm Rudolph zu Mal 1,7:

„Tisch Jahwes“ als Bezeichnung des Altars (ebenso in 12) ist die Folge der Benennung des Opfers als Speise: Der Altar, auf dem sie Jahwe dargebracht wird, ist also ein Tisch (vgl. Ez 44,16; 39,20).

Oder Gerhard Maier schreibt:

Der Tisch Jahwes ist wie häufig in der Bibel der Altar (vgl. Hes 41,22; 44,16)

Es könnten noch eine Reihe weiterer Zitate im gleichen Sinn angeführt werden. Darauf soll hier jedoch verzichtet werden. Wir wenden uns statt dessen zu den Exegeten, die sich mit 1.Kor 10,21 befaßt haben.

Da stellen wir nun fest, daß die neutestamentlichen Exegeten sich sträuben. Sie geben vielleicht zu, daß der „Tisch des Herrn“ zwar im Alten Testament einen Altar bezeichnet, sie bestreiten aber, daß dies auch im 1. Korintherbrief der Fall ist. Oder sie vermeiden jede klare Aussage und lassen es einfach offen, was mit diesem Ausdruck bei Paulus gemeint sein könnte. Oder sie vernebeln die klare Aussage des Apostels, indem sie behaupten, mit „Tisch des Herrn“ sei im Alten Testament der Schaubrottisch gemeint - also kein Altar. In Wahrheit wird jedoch an den fünf Stellen des Alten Testaments, an denen dieser Begriff erscheint, viermal mit diesem Begriff ein Brandopferaltar bezeichnet (Hes 39,20 / 44,16 / Mal 1,7+12) und nur einmal ist vielleicht von einem Schaubrottisch die Rede. Es ist allerdings wahrscheinlicher, daß auch an dieser Stelle ein wirklicher Altar, nämlich ein Räucheraltar gemeint ist.

Hier nun einige Belege. Wolfgang Schrage schreibt6:

„Trapeza kuriou“ ist in Mal 1,7.12 (vgl. Ez 44,16 „trapeza mou“) zwar auch der Altar Jahwes (...) meist aber, allerdings fast ausschließlich ohne kuriou, der Tisch der Schaubrote. Für Paulus selbst, für den sich kein sakraler Charakter mit der trapeza verbindet, ist an einen Tisch zu denken, den der Herr zubereitet ...

 

Schrage gibt also zu, daß „Trapeza kuriou“ im Alten Testament ein Sakralgegenstand ist, er bestreitet aber ohne Angabe von Gründen, daß dies auch bei Paulus der Fall sein kann. Ähnlich äußert sich auch Hans-Josef Klauck7:

Das Herrenmahl wurde in Privathäusern um den Familientisch herum gefeiert. Im AT bezeichnet der Tisch in der Mehrzahl der Fälle, wo er kultisch gebraucht wird, den Schaubrottisch.

Hans Conzelmann weist in einer kurzen Anmerkung lediglich darauf hin, daß mit dem „Tisch des Herrn“ im Alten Testament angeblich der Schaubrottisch gemeint ist8:

AT: Mal 17.12 (vgl Hes 4122 4416). Trapeza kuriou ist der Schaubrottisch.

 

Zu den neutestamentlichen Exegeten, die zugeben, daß mit dem „Tisch des Herrn“ im Alten Testament ein Altar gemeint ist, die aber offen lassen, was das für die Auslegung von 1.Kor 10,21 bedeutet, gehört Friedrich Lang. Er schreibt9:

Im Alten Testament ist „Tisch des Herrn“ Bezeichnung für den Altar Jahwes (Mal 1,7.12), im Herrenmahl für den Tisch Jesu Christi; der heidnische Opfertisch heißt oft „Tisch Gottes“ (...).

 

Die angeführten Beispiele mögen genügen. Sie zeigen hinreichend, wie die neutestamentlichen Exegeten entweder grundsätzlich verneinen, daß mit dem „Tisch des Herrn“ bei Paulus ein sakraler Tisch gemeint sein kann, oder wie sie jede klare Aussage zu diesem Punkt vermeiden. Ich habe jedenfalls bei keinem zeitgenössischen Theologen eine klare Aussage gefunden, daß der Apostel Paulus in 1.Kor 10,21 einen urchristlichen Altar erwähnt hat. Diese einfache Erkenntnis wird bei den modernen Exegeten zweifellos durch den gleichen Grund verhindert, auf den wir schon im Zusammenhang von Hebr 13,10 gestoßen sind. Die meisten modernen Theologen sind durch das Vorurteil befangen, das ursprüngliche Christentum sei unsakral gewesen. Wenn man die Bibel jedoch mit Unvoreingenommenheit liest, kann es überhaupt keinen Zweifel geben: Sowohl Hebr 13,10 als auch 1.Kor 10,21 bezeugen uns einen urchristlichen Altar.

 

Theologische Argumente für die Altarweihe

Daß die beiden im Neuen Testament erwähnten urchristlichen Altäre schon geweiht waren, läßt sich zwar nicht mit Sicherheit beweisen, aber auch das Gegenteil ist unbeweisbar. Es gibt jedoch theologische Argumente, die sehr dafür sprechen, daß die christlichen Altäre schon von Anfang an geweiht gewesen sein dürften. So läßt es sich beispielsweise zeigen, daß das Neue Testament den Begriff der kultischen Heiligkeit durchaus anerkennt und positiv bewertet. So sagt Jesus zu den Pharisäern:

Weh euch, ihr blinden Führer, die ihr sagt: Wenn einer schwört bei dem Tempel, das gilt nicht; wenn aber einer schwört bei dem Gold am Tempel, das bindet. Ihr Narren und Blinden! Was ist größer: das Gold oder der Tempel, der das Gold heiligt? Oder: Wenn einer schwört bei dem Altar, das gilt nicht; wenn aber einer schwört bei dem Opfer, das darauf ist, das bindet. Ihr Blinden! Was ist größer: das Opfer oder der Altar, der das Opfer heiligt?
(Mt 23,16-19)

Demnach wird die Vergoldung des Tempels durch die Heiligkeit des Tempels geheiligt und das Opfer durch die Heiligkeit des Altars. Dürfen wir annehmen, daß Jesus so etwas nur sagt, um die Pharisäer ins Unrecht zu setzen, daß dies in Wirklichkeit aber gar nicht die wahre Meinung Jesu ist? Das ist sicher nicht der Fall. Jesus bestätigt vielmehr: Der Tempel des alten Bundes hat eine kultische Heiligkeit, die sogar das Gold heiligt, mit dem er verziert ist. Und der Altar des alten Bundes hat eine kultische Heiligkeit, die dem Opfer zugute kommt, das auf diesem Altar verbrannt wird. An anderer Stelle erklärt Jesus dann, daß es auch im neuen Bund eine kultische Heiligkeit gibt:

Ihr sollt das Heilige nicht den Hunden geben, und eure Perlen sollt ihr nicht vor die Säue werfen ...
(Mt 7,6)

Jesus spricht hier sicher zuerst von der hochheiligen Kommunion, die den „Hunden“ nicht gereicht werden darf. Es ist aber nicht auszuschließen, daß er auch noch an andere kultisch heilige Dinge denkt, wie zum Beispiel an geweihtes Öl oder vielleicht sogar hier schon an einen christlichen Altar, der möglichst nicht in heidnische Hände fallen sollte.

Zumindest das ist klar: Auch für Jesus hat die kultische Heiligkeit einen hohen positiven Wert, und wer glaubt, die Urgemeinde sei in dieser Hinsicht anderer Meinung gewesen, der unterstellt ihr in diesem Punkt den Abfall von Jesus Christus. Es gibt aber keinen Grund für eine solche Annahme.

Im 1. Korintherbrief erklärt Paulus, daß in einer Mischehe der christliche Teil den heidnischen Ehepartner „heiligt“ und daß diese Heiligkeit auch noch auf die Kinder übergeht:

Wenn ein Bruder eine ungläubige Frau hat, und sie ist willig, bei ihm zu wohnen, der scheide sich nicht von ihr. Und wenn eine Frau einen ungläubigen Mann hat, und er ist willig, bei ihr zu wohnen, die scheide sich nicht von ihm. Denn der ungläubige Mann ist geheiligt durch die Frau, und die ungläubige Frau ist geheiligt durch den gläubigen Mann. Sonst wären eure Kinder unrein; nun aber sind sie heilig.
(1.Kor 7,12-14)

Das gegensätzliche Wortpaar „unrein“ und „heilig“ macht ja besonders deutlich, daß es hier um eine kultische Heiligkeit geht. Selbstverständlich ist damit nur eine begrenzte Heiligkeit gemeint, die sich auf die Ehe und das familiäre Zusammenleben beschränkt. Paulus spricht nicht von einer solchen Heiligkeit, die den heidnischen Ehepartner auch vor Gottes Endgericht heilig und gerecht macht. Der Apostel fährt ja fort:

Wenn aber der Ungläubige sich scheiden will, so laß ihn sich scheiden. Es ist der Bruder oder die Schwester nicht gebunden in solchen Fällen. Zum Frieden hat euch Gott berufen. Denn was weißt du, Frau, ob du den Mann werdest retten können? Oder du, Mann, was weißt du, ob du die Frau werdest retten können?
(1.Kor 7,15+16)

Immerhin ist hier von einer kultischen Heiligkeit sogar einer Mischehe mit einem Heiden die Rede, wieviel mehr muß die kultische Heiligkeit im gottesdienstlichen Bereich eine Rolle gespielt haben, auch wenn sich davon nur wenige Spuren im Neuen Testament erhalten haben.

 

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Im 1.Timotheusbrief spricht Paulus davon, daß viele Dinge geheiligt werden können „durch das Wort Gottes und Gebet“:

Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut und ... es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.
(1.Tim 4,4+5)

Eine ausführliche Interpretation dieser wichtigen Bibelstelle für die Weihetheologie ist hier leider nicht möglich. Ich begnüge mich mit der Feststellung, daß auch hier die kultische Heiligkeit weit in das profane Leben hineinragt, denn nach dem Zusammenhang geht es um die Heiligkeit der Ehe und um die kultische Reinheit aller Speisen, wenn sie durch ein passendes Bibelwort und ein entsprechendes Gebet geheiligt worden sind.

Wenn aber nach dem Neuen Testament kultische Heiligkeit schon in vielen Bereichen des täglichen Lebens von Bedeutung ist, muß sie ein weit größeres Gewicht in den Gottesdiensten der Urkirche gehabt haben, auch wenn sich in den neutestamentlichen Texten auf Grund urchristlicher Arkandisziplin nur Spuren davon finden. Es gibt jedoch einen Text, in dem diese übergroße kultische Heiligkeit sehr deutlich bezeugt wird. Es ist der Hebräerbrief, in dem wir die folgenden, ganz außerordentlichen Aussagen über den christlichen Gottesdienst finden:

... ihr seid nicht gekommen zu dem Berge, den man anrühren konnte und der mit Feuer brannte, noch zu dem Dunkel und Finsternis und Ungewitter, noch zu dem Hall der Posaune und zum Schall der Worte, bei dem die Hörer baten, daß ihnen kein Wort mehr gesagt würde; denn sie vermochten´s nicht zu ertragen, was da gesagt ward: „Und wenn auch nur ein Tier den Berg anrührt, soll es gesteinigt werden.“ Und so schrecklich war die Erscheinung, daß Mose sprach: „Ich bin erschrocken und zittere.“ Sondern ihr seid gekommen zu dem Berge Zion und zu der Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem, und den vielen tausend Engeln und zu der Versammlung und Gemeinde der Erstgebornen, die im Himmel angeschrieben sind, und zu Gott, dem Richter über alle, und zu den Geistern der vollendeten Gerechten und zu dem Mittler des neuen Bundes, Jesus, und zu dem Blut der Besprengung, das da besser redet als Abels Blut.
(Hebr 12,18-24)

Wenn es im ganzen Neuen Testament nur diesen einen Text über den urchristlichen Gottesdienst gäbe, so könnte man doch schon allein aus dieser einen Hebräerbriefstelle auf das große feierlich-kultische Element des urchristlichen Abendmahlsgottesdienstes schließen.

 

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Die alte Kirche hat uns überliefert, daß der Apostel Johannes das goldene Stirnblatt getragen habe10. Er habe also zu den von ihm abgehaltenen Gottesdiensten jenes goldene Stirnblatt getragen, das der Hohepriester des alten Bundes nach alttestamentlicher Vorschrift zu tragen hatte. Denn so hatte Gott Mose befohlen:

Du sollst auch ein Stirnblatt machen aus feinem Golde und darauf eingraben, wie man Siegel eingräbt: „Heilig dem HERRN“. Und du sollst es heften an eine Schnur von blauem Purpur vorn an den Kopfbund. Und es soll sein auf der Stirn Aarons, damit Aaron bei allen ihren Opfern alle Sünde fortschaffe, die an den heiligen Gaben der Kinder Israel haftet. Und es soll allezeit an seiner Stirn sein, daß sie wohlgefällig seien vor dem HERRN.
(2.Mose 28,36-38)

Wenn Johannes dieses Stirnblatt tatsächlich getragen hat - und warum sollte man daran zweifeln? - dann hat er damit zum Ausdruck gebracht: Zwischen den Gottesdiensten des alten und neuen Bundes gibt es nicht nur Unterschiede, sondern auch eine Kontinuität. Es gibt einen großen Unterschied in der Art des Opfers; keinen Unterschied gibt es jedoch darin, daß beides Opfergottesdienste sind, die beide von einem Opferpriester geleitet werden. Keinen Unterschied gibt es auch in der Pflicht, die Gottesdienste würdig und mit angemessenem Aufwand zu feiern.

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Nun gibt es noch einen besonderen Unterschied zwischen dem alttestamentlichen Gottesdienst und dem Gottesdienst des neuen Bundes. Im mosaischen Kult sind nämlich zwei Dinge getrennt, die im christlichen Gottesdienst zusammenfallen. Im mosaischen Kultus sind der irdische Thron Gottes und die Opferstätte zwei verschiedene Dinge, im Abendmahlsgottesdienst fällt beides zusammen.

Nach dem mosaischen Kultus thront Gott, wenn er zur Erde herniederkommt, unsichtbar über der Bundeslade (2.Mose 25,22 / vgl 4.Mose 10,35+36). Geopfert wird jedoch auf dem Räucheraltar oder auf dem Brandopferaltar.

Es versteht sich von selbst, daß auch die Bundeslade, der irdische Thron Gottes, geweiht sein mußte (2.Mose 30,26). Man kann sogar sagen: Es ist viel einleuchtender, daß der Thron Gottes durch eine Weihe geheiligt werden mußte, als dies bei den Altären einleuchtet. Auf den Altären brannten doch irdische Feuer, auf ihnen verbrannten irdischer Weihrauch und irdische Tiere. Wozu braucht es dafür eine Weihe? Auf der Bundeslade jedoch thront die übergroße Heiligkeit der göttlichen Majestät!

Über den himmlischen Thron der göttlichen Majestät werden wir durch eine Vision des Hesekielbuches belehrt. Nach der Schilderung des Propheten steht der Thron der göttlichen Herrlichkeit zunächst auf vier lebenden Engelwesen, die mit ihren nach oben ausgebreiteten Flügeln eine Art Plattform bilden (Hes 1,4-21). Über dieser lebendigen Flügelplattform befindet sich eine weitere Plattform aus kristallfunkelndem Licht. Darüber befindet sich dann der herrliche Thron. Ich zitiere hier nur einen Ausschnitt aus der sehr langen, ausführlichen Schilderung:

... über den Häuptern der Gestalten war es wie eine Himmelsfeste, wie ein Kristall, unheimlich anzusehen, oben über ihren Häuptern ausgebreitet, daß unter der Feste ihre Flügel gerade ausgestreckt waren, einer an dem andern; und mit zwei Flügeln bedeckten sie ihren Leib. Und wenn sie gingen, hörte ich ihre Flügel rauschen wie große Wasser, wie die Stimme des Allmächtigen, ein Getöse wie in einem Heerlager. ...

Und über der Feste, die über ihrem Haupt war, sah es aus wie ein Saphir, einem Thron gleich, und auf dem Thron saß einer, der aussah wie ein Mensch. Und ich sah, und es war wie blinkendes Kupfer aufwärts von dem, was aussah wie seine Hüften; und abwärts von dem, was wie seine Hüften aussah, erblickte ich etwas wie Feuer und Glanz ringsumher. Wie der Regenbogen steht in den Wolken, wenn es geregnet hat, so glänzte es ringsumher. So war die Herrlichkeit des HERRN anzusehen.

Und als ich sie gesehen hatte, fiel ich auf mein Angesicht ...
(Hes 1,22-28)

Wir haben es hier ja nicht mit einer heilsgeschichtlich überholten Anschauung des mosaischen Kultus zu tun, sondern mit einer Schilderung der unveränderlichen Majestät Gottes, zu deren Herrlichkeit auch ein entsprechender Thron gehört. Von diesem göttlichen Thron ist ja auch im Neuen Testament noch die Rede11.

Zur Würde Gottes gehört also auch ein herrlicher Thron. Im Himmel ist es der besonders herrliche himmlische Thron; im alttestamentlichen Gottesdienst war es die hochgeweihte Bundeslade, auf der Gott thronte; und im neutestamentlichen Gottesdienst ist es der Altar, auf dem der geopferte Christus leibhaftig gegenwärtig ist. Spricht da nicht alles dafür, daß auch der neutestamentliche Altar-Thron um der göttlichen Würde Jesu Christi willen geweiht sein sollte?

Damit hier kein unnötiges Mißverständnis entsteht, möchte ich vorsichtshalber erklären: Es geht nicht um die Frage, ob ein Abendmahl auch ohne Altar gültig gefeiert werden kann, sondern ob es nicht der hohen Würde dieses Sakramentes entspricht, daß das Abendmahl, wenn irgend möglich, auf einem Altar eingesetzt werden sollte, der möglichst auch geweiht sein sollte.

Nach meiner persönlichen Überzeugung kann es hier für einen vernünftigen Theologen, der sich nicht auf eine antisakrale Sicht der Dinge festgelegt hat, keinen Zweifel geben: Auch die urchristlichen Altäre werden mit allergrößter Wahrscheinlichkeit geweiht gewesen sein.

 

Das Zeugnis der alten Kirche

Die Liturgiewissenschaft macht es sehr wahrscheinlich, daß der christliche Altar seit der ältesten Zeit die Form eines Tisches hatte. Dafür spricht, daß auch die später eindeutig geweihten Altäre noch bis ins Mittelalter diese äußere Form bewahrt haben. Eine schöne Abbildung eines tischförmigen Altars aus dem kirchlichen Altertum findet sich im Orthodoxen Baptisterium in Ravenna. Während also die Bezeichnung „Tisch des Herrn“ im Alten Testament rein symbolisch gemeint war, bezeichnet sie in der späteren Kirche auch die äußere Form der Altäre.

Nun behauptet die Liturgiewissenschaft aber auch, daß diese tischförmigen Altäre ursprünglich nicht geweiht waren. Selbst der konservative katholische Liturgiewissenschaftler Joseph Braun erklärt in seinem „Liturgischen Handlexikon“12:

Eine Altarweihe im heutigen Sinne gab es ursprünglich nicht, doch lassen sich im Osten ihre Anfänge schon in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts nachweisen.

Wenn diese Behauptung stimmen würde, dann hätte es ursprünglich keine Altarweihe gegeben, und unsere theologischen Überlegungen zur Altarweihe in der Urkirche wären eine theologische Theorie, die von der Praxis widerlegt wäre. Nun erhebt sich hier allerdings, wie auch sonst, die Frage: Hören wir von einer Altarweihe erst sehr spät etwas, oder gab es die Altarweihe in den Anfangszeiten der Kirche tatsächlich noch nicht?

Für die Vermutung, daß es die Altarweihe anfänglich noch nicht gab, daß sich diese Weihe also erst langsam in der alten Kirche entwickelt hat, könnte man auf die folgende Beobachtung hinweisen: In der alten Kirchenordnung des Hippolyt (+ 235) gibt es Gebetstexte zur Weihe der Bischöfe, Priester und Diakone. Es gibt die Anweisung, daß die Amtswitwen, Lektoren, Jungfrauen, Subdiakone und Krankenheiler nicht geweiht werden. Es gibt Gebetstexte zur Segnung der Erstlingsfrüchte sowie aller anderen Früchte. Von einer Altarweihe verlautet in diesem Zusammenhang jedoch nichts. Sie wird weder befürwortet noch abgelehnt, sie scheint überhaupt nicht in den Blick zu kommen. Auch das Euchologium des Serapion von Thmuis (+ nach 362), das beispielsweise ein „Gebet über das Öl der Kranken oder über Brot oder Wasser“ bietet13, läßt über eine Altarweihe nichts verlauten.

Muß man aus dem Schweigen der alten Kirchenordnungen und Weiheformulare nicht den Schluß ziehen, daß die älteste Kirche tatsächlich keine Altarweihe gekannt hat? Nein, dieser Schluß wäre voreilig. Es gibt nämlich eine Reihe von Andeutungen in den alten Kirchenväterschriften, denen man entnehmen kann, daß es doch schon in ältester Zeit geweihte Altäre gab. Schon ein Hinweis der RGG, daß der Abendmahlstisch schon um die Mitte des 3. Jahrhunderts ein Gegenstand der Verehrung war, kann uns aufhorchen lassen:

Daß dem eucharistischen Tisch besondere Ehrfurcht gebühre und er selber Gegenstand der Verehrung war, hören wir schon um die Mitte des 3. Jahrhunderts. Sicher bis ins frühe 4. Jahrhundert zurück reicht in seinen Anfängen auch der Brauch, den Altar durch eine Weihe zu heiligen ...
(RGG3I,255f)

Demnach hat es schon um die Mitte des dritten Jahrhunderts geweihte Altäre gegeben, denn ein profaner Tisch dürfte wohl kaum Gegenstand der Verehrung gewesen sein. Zum gleichen Ergebnis kommen wir, wenn wir einen nordafrikanischen Konzilsbeschluß aus dem Jahr 255 verständnisvoll lesen:

Im sogenannten 70. Brief des Cyprian (+ 258), der in Wirklichkeit das offizielle Schreiben einer unter Cyprian veranstalteten Synode war, wird erklärt, das Firmöl der Häretiker könne nicht gültig geweiht sein, da zur gültigen Weihe des Chrisam das Vorhandensein gültig geweihter Kirchen und Altäre Vorbedingung sei:

Nun aber ist die Eucharistie, mit der die Getauften gesalbt werden, das auf dem Altar geheiligte Öl. Das gewöhnliche Öl aber konnte nimmermehr einer heiligen, der weder Altar noch Kirche hatte. Deshalb kann es auch bei den Ketzern keine geistliche Salbung geben, nachdem feststeht, daß bei ihnen eine Heiligung des Öls und eine Feier der Eucharistie völlig unmöglich ist.
(70. Brief des Cyprian 2)

Zum rechten Verständnis dieser Sätze muß man zunächst erkennen, daß an dieser Stelle mit „Eucharistie“ nicht das Abendmahl, sondern das ebenfalls durch ein „eucharistisches“ Weihegebet gesegnete Öl gemeint ist. Was jedoch die Gesamtaussage dieser Sätze betrifft, muß man verstehen, daß hier zwar dem reinen Wortlaut nach nur allgemein von Kirchen und Altären die Rede ist, nicht aber von geweihten Kirchen und Altären. Man kann diese Aussage aber gar nicht anders verstehen, als daß geweihte Kirchen und Altäre gemeint sind. Niemand konnte bestreiten, daß die Häretiker profane Tische oder Häuser besaßen, die ihnen als Altäre und Kirchen dienen konnten. Das Synodalschreiben setzt vielmehr voraus, daß das Firmöl nur auf gültig geweihten Altären gültig geweiht werden könne. Die Gesamtkirche hat sich dieser Sicht zwar nicht angeschlossen; das ist aber für unseren Zusammenhang ohne Belang. Hier geht es nur darum, daß eine nordafrikanische Synode offenbar schon um 255 geweihte Altäre als eine selbstverständliche Notwendigkeit ansieht.

Noch weiter zurück weisen zwei Äußerungen in den Briefen des Ignatius von Antiochien (+ um 110). In seinem Brief an die Gemeinde in Philadelphia mahnt er die dortigen Christen mit folgenden Worten zu unbedingter Einheit:

Seid deshalb bedacht, eine Eucharistie zu gebrauchen - denn eines ist das Fleisch unseres Herrn Jesu Christi und einer der Kelch zur Vereinigung mit seinem Blut, einer der Opferaltar, wie einer der Bischof zusammen mit dem Presbyterium und den Diakonen, meinen Mitknechten -, damit ihr, was immer ihr tut, gottgemäß tut.
(IgnPhil 4)

Wenn Ignatius die Philadelphier ermahnt, alles, was immer sie tun, nach dem Willen Gottes zu tun, und wenn er in diesem Zusammenhang auch den einen „Opferaltar“ aufzählt, neben dem es keinen zweiten Altar in einer Gemeinde geben soll, so bringt er damit zugleich zum Ausdruck: Auch das Vorhandensein eines „Opferaltares“ gehört zum Willen Gottes.

Nun ist zu fragen, was mit dem feierlichen Wort „Opferaltar“ gemeint ist. Nur ein einfacher, profaner Tisch? Das ist sehr unwahrscheinlich. Hätte Ignatius mit diesem Wort den Empfängern seines Briefes nur einen profanen Wohnzimmertisch vor Augen gemalt, den er dann mit dem übertrieben hohen Begriff „Opferaltar“ bezeichnet hätte, so hätte seine Argumentation keine bildliche Durchschlagskraft besessen. Der Bischof von Antiochien wäre ein unbeholfener Briefeschreiber gewesen, dessen argumentative Schwäche sich dann wohl auch an anderen Stellen seiner sieben Briefe zeigen müßte. Das ist aber nicht der Fall. Es ist nirgendwo sonst eine unbeholfene Argumentation dieses hervorragenden Bischofs zu erkennen. Also werden wir auch an dieser Stelle davon ausgehen dürfen, daß Ignatius das hohe Wort „Opferaltar“ sinnvoll eingesetzt und damit eine hohe Sache bezeichnet hat, nämlich einen wirklichen Altar - keinen Wohnzimmertisch.

Wie aber konnte man zur damaligen Zeit einen Altar von einem Wohnzimmertisch unterscheiden, wenn sie doch der äußeren Form nach gleich waren? Auf diese Frage ist nur eine Antwort möglich: Der christliche Altar unterschied sich schon damals vom Wohnzimmertisch durch eine Weihe. Demnach setzt Ignatius also schon um das Jahr 110, knapp 80 Jahre nach dem Tode Jesu, einen geweihten Altar in der frühchristlichen Gemeinde zu Philadelphia voraus.

In diesem Zusammenhang ist aber auch zu beachten, daß nach Ignatius die eine Eucharistie wie auch der eine Opferaltar „gottgemäß“ ist. Das bedeutet, wenn er damit recht hat, daß ein geweihter Altar von Gott bzw von Jesus Christus angeordnet worden ist.

Es gibt noch eine andere Stelle in den Ignatiusbriefen, die ebenfalls bezeugt, daß es schon zur damaligen Zeit einen - offenbar geweihten - Altar gab. Im Brief an die Trallianer schreibt der Bischof von Antiochien:

Wer sich innerhalb des Altarraumes befindet, ist rein; wer sich außerhalb des Altarraumes befindet, ist nicht rein; d. h. wer etwas ohne Bischof, Presbyterium und Diakon tut, der ist nicht rein im Gewissen.
(IgnTral 7,2)

Auch hier ist es das Anliegen des Ignatius, die Trallianer zu absoluter Einigkeit zu ermahnen. Dabei argumentiert er mit einem „Altarraum“14, der denen, die sich darin befinden, eine gewisse Reinheit vermittelt. Auch hier gilt: Wenn mit diesem Altarraum ein beliebiger Raum gemeint gewesen wäre, in dem ein profaner Tisch zum Zweck der Abendmahlsfeier gestanden hat, wäre das Argument des Ignatius ohne Durchschlagskraft. In diesem Fall hätte Ignatius besser mit der Teilhabe an der Eucharistie argumentieren sollen. Er argumentiert aber mit dem Wort „Altarraum“. Das mindeste, was nun aber das Wohnzimmer eines vornehmen Christen zum „Altarraum“ im Sinne eines durchschlagenden Arguments machen kann, muß ein richtiger Altar gewesen sein - ein geweihter Altar! Und auch hier gilt: Wenn das äußere Erscheinungsbild gleich war, konnte der Unterschied zwischen Tisch und Altar nur darin bestehen, daß der Altar geweiht war.

Wir sehen also: Die Weihe der Altäre kann nicht erst im 4. Jahrhundert aufgekommen sein. Geweihte Altäre muß es vielmehr schon zur Zeit des Cyprian, ja sogar schon zur Zeit des Ignatius gegeben haben. Damit sind wir aber in unmittelbarer Nähe zum Neuen Testament.

*

Wir kommen noch einmal auf die Frage zurück, warum uns die alte Kirche eine ganze Reihe verschiedener Weihegebete überliefert hat, aber kein einziges Altarweihegebet. Das trifft übrigens auch auf die „Apostolischen Konstitutionen“ zu, die etwa um das Jahr 380 entstanden sind - also zu einer Zeit, für die auch die etablierte Liturgiewissenschaft schon Altarweihen konzidiert. In den „Apostolischen Konstitutionen“ gibt es Texte sogar zur Lektoren-, Subdiakonats- und Diakonissenweihe, es gibt dort ein Weihegebet für gesundes Wasser und Krankenöl, aber kein Gebet zur Altarweihe15!

Wahrscheinlich haben wir es auch hier, wie in so vielen anderen Fällen, mit der altkirchlichen Arkandisziplin zu tun, die im Fall der Altarweihe offenbar besonders streng gehandhabt wurde. Das hängt möglicherweise damit zusammen, daß die geweihten Altäre, ähnlich wie die heiligen Schriften, in den Verfolgungszeiten besonders gefährdet waren. Das Abendmahl konnte so gefeiert werden, daß von der Kommunion nichts zurückblieb. Heiliges Öl war relativ einfach zu verstecken. Aber ein großer und als solcher erkennbarer Altar konnte leicht beschlagnahmt, öffentlich entehrt und vernichtet werden.

Gegen diese Gefahr konnte man ein Doppeltes tun. Einmal gab man den christlichen Altären die äußere Form profaner Tische, und zum anderen wurde die Weihe dieser Tische mit besonders strenger Geheimhaltung umgeben. Vielleicht wurden die Altartische zur Zeit der Verfolgung tatsächlich nur zum Gottesdienst in die Versammlungsräume gebracht und standen zu anderen Zeiten als scheinbar profane Möbel in irgendwelchen Abstellkammern, wo sie im Fall einer Hausdurchsuchung keine Beachtung fanden16.

Wenn ich mit diesen Vermutungen Recht haben sollte, dann ist es sogar denkbar, daß die urkirchliche Altar-Tisch-Praxis schon vorausschauend von Jesus selber angeordnet worden ist. Und ich halte es zumindest für denkbar, daß schon Jesus am Gründonnerstagabend einen geeigneten Tisch mit geweihtem Öl konsekriert und darauf das erste Abendmahl eingesetzt hat, und daß dieser von ihm geweihte Altar der späteren Jerusalemer Urgemeinde als hochheilig geweihter Altartisch diente, der jedoch aus Gründen strengster Arkandisziplin auch im Neuen Testament nicht erwähnt worden ist. Diese Vermutung setzt natürlich voraus, daß der Gastgeber dieses Abends schon zum weiteren Jüngerkreis Jesu gehört hat, so daß der geweihte Altar hier in guter Obhut war. Auf diesen Punkt komme ich gleich noch einmal zurück.

Jesus hätte die Altarweihe vermutlich in erkennbarer Anlehnung an das Vorbild des Alten Testaments vollzogen, so daß das Wort der Bergpredigt auch in dieser Hinsicht bedeutungsvoll wäre:

Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen.
(Mt 5,17)

Nun kann man einwenden, daß ich hier bloße Vermutungen vortrage und daß es vollkommen unbeweisbar ist, daß schon Jesus oder die Urkirche Altäre geweiht hätten. Ich gebe das zu. Ich glaube aber, daß solche Vermutungen, wenn sie nur ehrlich als solche gekennzeichnet werden, nötig sind als Gegengewicht gegen jene ebenso unbewiesenen Behauptungen der zeitgenössischen Theologie, wonach die Urkirche das heilige Mahl auf profanen Wohnzimmertischen gefeiert haben soll. Hier setze ich meine Vermutung gegen jene Vermutung. Der Leser möge sich ein eigenes Urteil bilden, ob im Kontext des Neuen Testaments und der alten Kirche meine Vermutungen wahrscheinlicher sind oder die der Gegenseite. Dabei ist aber als Tatsache festzuhalten: Schon der 1. Korintherbrief und der Hebräerbrief erwähnen einen Altar. Wenn diese Altäre die Form eines Tisches gehabt haben, so können sie nur durch eine Weihe zu wirklichen Altären geworden sein.

 

Das Argument der Armut

Aus der Apostelgeschichte wissen wir, daß die Abendmahlsgottesdienste der Urgemeinde in Jerusalem in Privathäusern stattfanden (AG 2,46). Die gleiche Art, sich zum Gottesdienst in den Privatwohnungen zu versammeln, werden wir wohl für die ganze erste Zeit der alten Kirche voraussetzen müssen. Wenn die Gottesdienste aber in Privathäusern stattfanden, kann man sich kaum etwas anderes vorstellen als eine große Enge, eine ärmliche Ausstattung und überhaupt sehr schlichte Gottesdienste.

Ist es vorstellbar, daß es in diesen Wohnhäusern geweihte Altäre gab? Ein geweihter Altar darf ja nicht als profanes Möbelstück benutzt werden. Steht er in einem normalen Wohnzimmer, darf die Familie ihn nicht als allgemeinen Essenstisch benutzen. Sie darf nicht irgendwelche profanen Gegenstände auf ihm ablegen; ja es darf sogar niemand diesen Altar unnötig berühren. Im Alten Testament wird die unerlaubte Berührung des geweihten Altares mit Strafe bedroht:

(Du sollst) salben die Stiftshütte und die Lade mit dem Gesetz, den Tisch mit all seinem Gerät, den Leuchter mit seinem Gerät, den Räucheraltar, den Brandopferaltar mit all seinem Gerät und das Becken mit seinem Gestell. So sollst du sie weihen, daß sie hochheilig seien. Wer sie anrührt, der ist dem Heiligtum verfallen.
(2.Mose 30,26-29)

 

Aus anderen Stellen ergibt sich, was mit dieser Drohung gemeint ist. Hat jemand einen heiligen Gegenstand nur aus Versehen berührt, kann er sich durch ein Opfer entsühnen (3.Mose 5,14-18). Unterläßt er das Opfer oder hat er die heiligen Dinge mutwillig berührt, so bedroht Gott selber ihn mit dem Tod (4.Mose 4,15 / 2.Sam 6,7). Solche Strafandrohung wird natürlich auch im neuen Bund noch ihre grundsätzliche Bedeutung haben.

Ein Altar kann also kaum in einem normalen Wohnzimmer aufgestellt werden, er verlangt einen eigenen Raum für sich, oder er muß in den normalen Zeiten in einem Abstellraum Platz finden. Man braucht dafür eigentlich das Haus eines wohlhabenden Menschen. Spricht das nicht doch schließlich dagegen, daß es in den urchristlichen Gemeinden schon geweihte Altäre gab? Bestand die erste Christenheit nicht vorwiegend aus einfachen Menschen? Kamen sie nicht aus den unteren sozialen Schichten?

*

Es ist ja eine allgemein verbreitete Vorstellung, daß die Urchristenheit sich vorwiegend aus einfachen Leuten zusammengesetzt hat: Schon die Apostel, über die wir in den Evangelien am ausführlichsten unterrichtet werden, Petrus und Andreas, Jakobus und Johannes, waren von ihrer Herkunft her „einfache“ Leute, nämlich Fischer. Auch Paulus war nur ein Handwerker, wahrscheinlich ein Zeltweber. Vor allem, was Paulus über die korinthische Gemeinde schreibt, hat unser Bild von der Urkirche stark geprägt:

Sehet an, liebe Brüder, eure Berufung: nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Gewaltige, nicht viele Edle sind berufen.
(1.Kor 1,26)

Das übliche Verständnis dieses Verses drückt Otto Meinardus mit den Worten aus17:

Man hat den Eindruck, daß die Mehrzahl der zum Christentum bekehrten Korinther einfache Leute waren ...

Er spricht dann sogar von einer „Arbeiter- oder Sklavenkirche“18.

Wir sollten uns dennoch kein einseitiges und falsches Bild von der Urkirche machen. Es gab nämlich unter den ersten Christen auch überraschend viele wohlhabende Leute, wie das aus vielen Bibelstellen hervorgeht, die wir einmal systematisch durchgehen wollen.

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In Jerusalem gab es ein großes Haus, in dessen Obergemach sich die erste Gemeinde regelmäßig versammelt hat (AG 1,13). Dieses Obergemach muß so groß gewesen sein, daß sich dort 120 männliche Christen versammeln konnten, wie wir aus dem Bericht von der Nachwahl des Matthias erfahren, bei der Petrus ja nur die Männer anspricht (AG 1,15+16). Wenn man jedoch annimmt, daß bei dieser Nachwahl auch Frauen - wenn auch ohne Stimmrecht - anwesend waren, muß der Saal sogar noch mehr als 120 Personen gefaßt haben. Ein Haus mit einem solchen großen Obergemach wird man sich wohl als eine geräumige Villa, wenn nicht sogar als einen kleinen Palast vorstellen müssen. Dabei war das Obergemach offenbar für größere Feste und repräsentative Veranstaltungen gebaut worden, während sich das normale Leben vermutlich in den kleineren Räumen des unteren Stockwerkes abgespielt haben dürfte.

Wenn der Besitzer dieses Hauses einer großen Menge erlaubte, sich regelmäßig im Obergemach seines Hauses zu versammeln - wenn er also bereit war, die mit solchen Versammlungen notwendigerweise verbundenen Unannehmlichkeiten auf längere Zeit zu erdulden - dann dürfte er mit größter Wahrscheinlichkeit selber Christ gewesen sein. Wenn wir außerdem das hier erwähnte Haus mit dem später genannten Haus der Mutter des Markus gleichsetzen können, von dem es ebenfalls heißt, daß sich dort die Urgemeinde versammelt hat (AG 12,12), dann war die Mutter des Markus offensichtlich eine reiche Christin, die von Anfang an bereit war, ihr großes Haus der Gemeinde zur Verfügung zu stellen.

Wir fragen nun: Könnte in dem Obergemach, in dem regelmäßig Gottesdienst stattfand, nicht auch ein Altar gestanden haben? Die Vorstellung mag uns ungewohnt sein, aber man kann kaum sagen, dies sei wegen der großen Armut der Urgemeinde unmöglich gewesen.

Es ist übrigens nicht ganz unwahrscheinlich, daß es schon dieses Haus, nämlich das Haus der Mutter des Markus war, in dem Jesus auch das erste Abendmahl gefeiert hat. Markus selber könnte mit dem Jüngling identisch sein, von dem in seinem Evangelium gesagt wird, daß er bei der Verhaftung Jesu dabei war und daß er beinahe mitverhaftet worden wäre:

Und es war ein Jüngling, der folgte ihm nach, der war mit einer Leinwand bekleidet auf der bloßen Haut; und sie griffen ihn. Er aber ließ die Leinwand fahren und floh nackt davon.
(Mk 14,51+52)

Wenn diese Vermutungen stimmen sollten, hätte die Familie des Markus wohl schon am Gründonnerstagabend zum weiteren Jüngerkreis Jesu gehört. Jesus hätte dann vielleicht, um auf diese Vermutung hier noch einmal zurückzukommen, in diesem Haus den ersten Altar selber geweiht im festen Vorherwissen, daß sich in diesem Hause später die Urgemeinde zu ihren ersten Abendmahlsgottesdiensten treffen würde.

Noch einmal: Wem diese Vermutungen zu weit gehen, der kann sie gerne beiseitelassen. Hier geht es ja zunächst nur um den Nachweis, daß es schon unter den ersten Christen sehr wohlhabende Leute gab. Zu diesen wohlhabenden Leuten hat ganz sicher derjenige gehört, der sein Haus zum Versammlungsort für die erste, schnell anwachsende Gemeinde zur Verfügung gestellt hat, mag er nun zur Familie des Markus gehört haben oder auch nicht.

 

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In Joppe lebte die Christin Tabea, die Petrus nach ihrem Tode wieder auferweckt hat. Lukas schreibt über sie:

Die war voll guter Werke und Almosen, die sie gab.
(AG 9,36)

Das hört sich so an, als ob sie nicht ganz unbegütert und in der Lage war, von ihrem Wohlstand abzugeben. Sie lebte in einem Haus mit einem Obergemach und hatte den verarmten Witwen selbstangefertigte Röcke und Kleider geschenkt (AG 9,37-39). Um diese Art von Wohltätigkeit recht zu beurteilen, sollten wir uns vergegenwärtigen, daß selbst gebrauchte Kleidung damals so kostbar war, daß die Soldaten um die Kleider Jesu gelost haben. Wer würde heute um die Kleidung eines hingerichteten Verbrechers würfeln? Vielleicht war die Tabea keine ganz reiche Frau, aber arm war sie auch nicht; und wer weiß, ob nicht auch in ihrem Obergemach am Sonntag ein geweihter Altar gestanden hat? Diese Vorstellung mag uns fremd sein, aber man kann kaum sagen, die Tabea sei in jedem Fall zu arm gewesen, als daß in ihrem Haus Gottesdienste mit einem geweihten Altar gefeiert werden konnten.

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Die erste heidnische Familie, die sich nach dem Bericht der Apostelgeschichte taufen ließ, war das Haus des Hauptmann Kornelius in Cäsarea. Auch von ihm heißt es, daß er „viel Almosen“ gegeben habe (AG 10,2). Ob man einen damaligen römischen Hauptmann als reich bezeichnen kann, weiß ich nicht. Aber arm war er ganz gewiß nicht. Lukas erwähnt zwei Diener (AG 10,7); bei der Predigt in seinem Hause waren „seine Verwandten und nächsten Freunde“ versammelt (AG 10,24) und außerdem sechs jüdische Christen aus Joppe (AG 11,12). Vielleicht gab es zu dieser Zeit schon einige jüdische Christen in Cäsarea, die bisher noch keinen geeigneten Gottesdienstraum besaßen, aber im Haus des Kornelius konnten sich bestimmt zwanzig oder dreißig oder vielleicht sogar mehr Christen versammeln; und dort konnte man sicher auch - zumindest am Sonntag - einen geweihten Altar aufstellen, um das Abendmahl zu feiern.

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Die ersten Christen, die Paulus in Europa taufte, waren die Mitglieder der Familie der Lydia (AG 16,14+15). Diese relativ emanzipierte Frau hatte einen Beruf; sie war eine Purpurhändlerin. Sie handelte also mit einem Luxusgut, das vermutlich einen hohen Gewinn abwarf. Man kann also annehmen, daß sie wohlhabend war. So lud sie denn auch den Apostel mit seinen Begleitern ein, bei ihr zu wohnen; und als Paulus diese Stadt nach einem kurzen Aufenthalt im Gefängnis von Philippi wieder verließ, verabschiedete er sich im Hause der Lydia von den dort versammelten Christen (AG 16,40).

Alle diese Angaben legen die Vermutung nahe, daß auch Lydia ihr Haus für die gottesdienstlichen Versammlungen der ersten Christen in Philippi zur Verfügung gestellt hat. Dabei ist es gut vorstellbar, daß sie den größten Raum ihres Hauses ganz und gar für gottesdienstliche Zwecke reserviert oder ihn zumindest an jedem Sonntag von ihren Sklaven hat leerräumen und für den gottesdienstlichen Gebrauch angemessen herrichten lassen. Auch hier gilt: Die Vorstellung mag uns fremd sein, aber man kann kaum sagen, daß es auf Grund von Armut unmöglich gewesen ist, daß im Haus der Lydia ein geweihter Altar gestanden hat.

 

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Von Philippi reiste Paulus über Beröa nach Athen. Dort hielt er seine berühmte „Areopagrede“. Er hat mit dieser Predigt zwar nur wenige Athener für den christlichen Glauben gewinnen können, einige Athener bekehrten sich aber doch:

Etliche Männer aber hingen ihm an und wurden gläubig, unter welchen auch war Dionysius, einer aus dem Rat, und eine Frau mit Namen Damaris und andere mit ihnen.
(AG 17,34)

Wenn sich auch nur wenige bekehrt haben, so waren es doch ausreichend viele, um daraus eine kleine christliche Gemeinde zu bilden. Gastgeber dieser kleinen Gemeinde könnte sehr gut der Ratsherr Dionysius gewesen sein. Zumindest aber dürfte er über ausreichende Geldmittel verfügt haben, um der kleinen Gemeinde zu angemessenen Gottesdienstmöglichkeiten zu verhelfen.

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Von Athen reiste Paulus weiter nach Korinth. Über die dort gegründete Gemeinde erfahren wir interessante Einzelheiten aus der Grußliste am Ende des Römerbriefes. Dieser Brief ist offenbar in Korinth geschrieben worden19. Mit anderen Grüßenden unterschrieb auch „Erastus, der Stadt Rentmeister“ oder, wie es in der neuen Lutherübersetzung heißt, „Erastus, der Stadtkämmerer“ (Rm 16,23). Über diesen Stadtkämmerer wissen wir auf Grund eines in Korinth ausgegrabenen Pflastersteins Genaueres. Otto Meinardus schreibt in seinem Buch „Paulus in Griechenland“20:

Eine der für unser Verständnis der Korinther Gemeinde interessantesten Entdeckungen ist ein mit einem lateinischen Text eingeprägter großer Pflasterstein ... Die Buchstaben sind tief in den Stein gemeißelt und waren früher mit Bronze ausgefüllt und mit Blei befestigt. Der Text lautet:

ERASTUS PRO AEDILITATE  S  P  STRAVIT

(ERASTUS PRO AEDILITATE SUA PECUNIA STRAVIT)

 

„Erastus für seine Ädilenschaft, legte diesen Boden aus seinen eigenen Mitteln“. Dieses Platzpflaster existierte zur Zeit des paulinischen Besuches in Korinth.  ...  Das griechische Wort für Stadtkämmerer ist oikonomos, der Oekonom, und ist gleichbedeutend mit dem lateinischen aedilis. Ein römischer Ädil von einer Stadt wie Korinth war im allgemeinen ein Mann von Rang und Namen. Für die Struktur der Gemeinde ist es interessant, daß wir wenigstens von einem Mitglied wissen, das der administrativen Elite angehörte.

 

Erastus, der Stadtkämmerer von Korinth, war also ein wohlhabender, wenn nicht sogar ein reicher Mann. Er konnte der Gemeinde in Korinth sicher mit Leichtigkeit zu einem angemessenen Gottesdienstraum verhelfen, in dem es auch einen wirklichen Altar gab.

Neben Erastus findet sich in der Grußliste des Römerbriefes aber auch der Name des Gajus, in dessen Haus tatsächlich die ersten Gottesdienste stattgefunden haben dürften, denn Paulus schreibt über ihn:

Es grüßt euch Gajus, mein und der ganzen Gemeinde Gastgeber.
(Rm 16,23)

Offenbar war Gajus in einem doppelten Sinn Gastgeber. Er beherbergte im normalen Sinn den Apostel wie auch wohl dessen Begleiter; und er „beherbergte“ die ganze Gemeinde zu ihren gottesdienstlichen Versammlungen am Sonntag, und wann immer es sonst in Korinth Gottesdienste gegeben haben mag. Auch Gajus scheint also ein wohlhabender Mann gewesen zu sein. Daß auch in seinem Hause ein Altar gestanden haben kann, ist zumindest nicht undenkbar.

 

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Am Ende des Philipperbriefes findet sich der folgende Gruß:

Es grüßen euch alle Heiligen, sonderlich aber die von des Kaisers Hause.
(Phil 4,22)

Wenn man diesen Gruß mit den verschiedenen Nachrichten kombiniert, die uns Sueton21, Dio Cassius22 und Euseb23 überliefern, wonach der spätere Kaiser Domitian verschiedene Angehörige seiner Familie teils hinrichten und teils in die Verbannung schicken ließ, weil sie Christen waren, so ergibt sich aus Phil 4,22, daß offenbar schon zu des Paulus Lebzeiten der christliche Glaube selbst in die höchsten Gesellschaftskreise einzusickern begann.

Vielleicht haben die Angehörigen der höchsten Kreise es vermieden, sich so zu exponieren, daß sie ihre eigenen Häuser für gottesdienstliche Versammlungen zur Verfügung gestellt haben, es muß ihnen aber doch ein Leichtes gewesen sein, den Gemeinden mit Geld zu helfen, daß die christlichen Gottesdienste in möglichst würdigem Rahmen stattfinden konnten.

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Als es den Apostel Paulus bei seinem dramatischen Schiffbruch auf die Insel „Melite“ verschlagen hat (AG 28,1), heilte er dort den Vater des Publius, des obersten Regierungsbeamten dieser Insel. Vor kurzem hat Heinz Warnecke mit überzeugenden Argumenten dargelegt, daß es sich bei dieser Insel nicht um die Insel Malta, sondern um die westgriechische Insel Kephallenia gehandelt haben muß. Auf dieser abgelegenen Insel hat es wahrscheinlich schon sehr früh eine christliche Gemeinde gegeben24. Wenn das stimmen sollte, liegt die Vermutung nahe, daß jener Publius sich bekehrt und in seiner Villa die erste christliche Gemeinde auf Kephallenia beherbergt hat. Es kann also auch in seinem Haus sehr gut ein Altar gestanden haben. Über die Bekehrung dieses Mannes läßt Lukas zwar nichts verlauten, das kann aber leicht erklärt werden, wenn man annimmt, Lukas habe diesen hohen Regierungsbeamten keiner unnötigen Verfolgung aussetzen wollen.

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Am Anfang des Lukasevangeliums findet sich eine Widmung, die dieses Buch dem „edlen“ Theophilus zueignet. Walter Grundmann übersetzt die Anrede mit „hochangesehener Theophilus“25, und er folgert aus der Anrede, daß der Adressat „ein Mann von Rang und Vermögen“ gewesen sei. Möglicherweise sei Theophilus ein „höherer Staatsbeamter“ gewesen26. Die Widmung am Anfang des Evangeliums legt ihm nach damaligem Brauch die Pflicht auf, das Lukasevangelium auf seine Kosten abschreiben und verbreiten zu lassen27.

Auch Theophilus hat zweifellos eine große Villa besessen, in der es sicher einen geeigneten Raum gab, den man zur Hauskirche umgestalten und in dem man auch einen Altar aufstellen konnte, wenn man das nur als wichtig angesehen haben sollte.

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Wir sehen: Die Vorstellung, daß die Urkirche nur aus armen Leuten bestanden hätte, die schon aus finanziellen Gründen nicht in der Lage gewesen wären, ihre Gottesdienste so zu feiern, wie es der großen Heiligkeit des Altarsakamentes entspricht, ist falsch. Die Bibel gibt uns erstaunlich viele Hinweise auf reiche oder wohlhabende Christen, die unter der Voraussetzung eines wirklich engagierten Glaubens den Gemeinden auf unterschiedliche Weise helfen konnten, daß die Gottesdienste in würdigem Rahmen und mit allem nötigen Aufwand gefeiert wurden.

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Nun könnte jemand meinen, bei den soeben aufgezählten wohlhabenden Christen habe es sich nur um Ausnahmen gehandelt. Aufs Ganze gesehen sei die Urkirche eben doch wohl eine arme Kirche gewesen, die von den Reichen dieser Welt gemieden worden sei. Das kann aber nicht stimmen. Daß die relativ große Zahl reicher Christen sogar zu einer Versuchung für die jungen Gemeinden werden konnte, ergibt sich aus den folgenden Versen des Jakobusbriefes:

Liebe Brüder, haltet den Glauben an Jesus Christus, unsern Herrn der Herrlichkeit, frei von aller Ansehung der Person. Denn so in eure Versammlung käme ein Mann mit einem goldenen Ringe und mit einem herrlichen Kleide, es käme aber auch ein Armer in einem unsaubern Kleide, und ihr sähet auf den, der das herrliche Kleid trägt, und sprächet zu ihm: Setze du dich her aufs beste! und sprächet zu dem Armen: Stehe du dort! oder: Setze dich unten her zu meinen Füßen! - ist´s recht, daß ihr solchen Unterschied bei euch selbst macht und richtet nach argen Gedanken?
(Jak 2,1-4)

Gewiß warnt Jakobus nicht vor einer irrealen oder nur sehr selten vorkommenden Gefahr, sondern vor einer, die immer wieder auftritt. Es muß demnach in den Gemeinden, an die Jakobus denkt, relativ viele reiche Christen gegeben haben, die eine solche allgemeine Warnung in dem Rundschreiben des Jakobus rechtfertigten. Wenn Jakobus auch noch an anderer Stelle die Reichen mit sehr harten Worten verwarnt, so wird man wohl davon ausgehen können, daß die Zahl der Reichen in den Gemeinden keineswegs klein gewesen sein kann:

Wohlan nun, ihr Reichen, weinet und heulet über das Elend, das über euch kommen wird! Euer Reichtum ist verfault, eure Kleider sind von Motten zerfressen. Euer Gold und Silber ist verrostet und ihr Rost wird wider euch Zeugnis geben und wird euer Fleisch fressen wie Feuer. Ihr habt euch Schätze gesammelt am Ende der Tage! Siehe, der Arbeiter Lohn, die euer Land abgeerntet haben, der von euch vorenthalten ist, der schreit, und das Rufen der Schnitter ist gekommen vor die Ohren des Herrn Zebaoth. Ihr habt wohlgelebt auf Erden und eure Lust gehabt und eure Herzen geweidet am Schlachttag! Ihr habt verurteilt den Gerechten und getötet, und er hat euch nicht widerstanden.
(Jak 5,1-6)

Ist das eine Predigt zum Fenster hinaus für die Reichen in der Welt? Das ist kaum anzunehmen. Es geht auch im Jakobusbrief zuerst einmal um die Probleme innerhalb der christlichen Gemeinde. Das heißt aber: Es muß in den Gemeinden, an die Jakobus schreibt, relativ viele Reiche gegeben haben, wenn Jakobus auf diese Personengruppe gleich zweimal zu sprechen kommt.

Übrigens geht auch Petrus davon aus, daß es in den verschiedenen Gemeinden, die er mit seinem ersten Brief anschreibt, eine beachtenswerte Anzahl wohlhabender Frauen gibt. Das ergibt sich aus seiner Warnung vor äußerlichem „Goldschmuck und Kleiderpracht“ (1.Pt 3,3).

Wir sehen: Es ist nicht richtig, wenn man auf Grund von 1.Kor 1,26 den einseitigen Schluß zieht, die urchristlichen Gemeinden hätten sich vorwiegend aus sozial schwachen Leuten zusammengesetzt. Es muß - von möglichen Ausnahmen abgesehen - überall genug Reiche gegeben haben, die für einen angemessenen und reich ausgestatteten Gottesdienst sorgen konnten.

Schließlich kennen wir sogar eine Gemeinde, die offenbar aus überwiegend wohlhabenden Christen bestanden hat, nämlich die in den sieben Sendschreiben der Offenbarung erwähnte Gemeinde von Laodicea. Die Grundstimmung dieser Gemeinde wird ja mit den folgenden Worten beschrieben:

Ich bin reich und habe gar satt und bedarf nichts!
(Offb 3,17)

Wir müssen uns also von der Vorstellung lösen, die urchristlichen Gemeinden seien generell arm und deshalb zu einem größeren gottesdienstlichen Aufwand nicht in der Lage gewesen. Andererseits sollten wir aber auch nicht unterschätzen, zu welchen Opfern selbst ein arme Kirche fähig gewesen sein kann. In unserer Zeit erleben wir, wie eine reiche Christenheit weder die Kraft noch den Willen hat, ihre neuerbauten Kirchen reich auszustatten und die ererbten Dome ohne staatliche Hilfe zu erhalten. Von daher ist es für uns auch nur schwer vorstellbar, daß es armen Leuten möglich sein könnte, reich ausgestattete Gottesdiensträume zu besitzen, in denen eine feierliche, würdige Liturgie zelebriert werden kann. Das Beispiel des alten Volkes Israel zeigt uns jedoch, daß auch ein armes Volk alles anfertigen und anschaffen kann, was zu einem reich ausgestalteten Kultus nötig ist - falls nur der entsprechende Wille vorhanden ist.

 

*

Zur Zeit seiner Wüstenwanderung muß das Volk Israel wirklich ein besonders armes Volk gewesen sein. Trotzdem verlangte Gott von diesem Volk die Anschaffung der verschiedensten Textilien und Gerätschaften für den Gottesdienst, die alle aus kostbarem, edlen Material hergestellt und künstlerisch gestaltet sein sollten. So hat Gott unter anderem befohlen:

Macht eine Lade aus Akazienholz ... Du sollst sie mit feinem Gold überziehen innen und außen und einen goldenen Kranz an ihr ringsherum machen. Und gieß vier goldene Ringe ... Und mache Stangen von Aka-zienholz und überziehe sie mit Gold ...
(2.Mose 25,10-13)

Schon allein geeignetes Akazienholz zu beschaffen, dürfte in der Wüste nicht ganz einfach gewesen sein. Dann aber sollte die Lade nicht nur äußerlich, sondern auch innen mit Gold überzogen sein. Hinzu kam eine geschnitzte und ebenfalls mit Gold überzogene Zierleiste rings um die Lade, die vermutlich den Eindruck eines geflochtenen Kranzes machen sollte. Selbst die Tragestangen sollten goldüberzogen sein.

Zur Stiftshütte heißt es:

Die Wohnung sollst du machen aus zehn Teppichen von gezwirnter feiner Leinwand, von blauem und rotem Purpur und von Scharlach. Cherubim sollst du einweben in kunstreicher Arbeit.
(2.Mose 26,1)

Woher sollte die große Menge der dreifarbig eingefärbten Leinwand kommen? Ein bißchen davon hatte man zwar aus Ägypten mitgebracht (2.Mose 35,23); aber das reichte nicht, so daß die Frauen noch eine große Menge dazu spinnen und weben mußten (2.Mose 35,25). Woher bekamen sie in der Wüste das Rohmaterial zum Spinnen und die kostbare Purpurfarbe zum Einfärben des Leinenfadens? Der kurze Bericht der Bibel gibt darüber keine Auskunft, aber man kann vermuten, daß hier manches unter erheblichen Mühen und mit großem Kostenaufwand importiert werden mußte.

Der Eingang zu diesem liturgischen Prunkzelt sollte mit einem kunstreich angefertigten Vorhang verdeckt werden, der an einem Gestell aufzuhängen war, das - man glaubt es kaum! - von goldenen Nägeln zusammengehalten werden sollte:

Du sollst einen Vorhang machen aus blauem und rotem Purpur, Scharlach und gezwirnter feiner Leinwand und sollst Cherubim einweben in kunstreicher Arbeit und sollst ihn aufhängen an vier Säulen von Akazienholz, die mit Gold überzogen sind und goldene Nägel und vier silberne Füße haben.
(2.Mose 26,31+32)

Es würde zu weit führen, in diesem Aufsatz das ganze kostbare Tempelgerät und die kostbare Kleidung des Hohenpriesters detailliert aufzuführen. Es kann ja jeder, soweit er diese Dinge nicht vor Augen hat, alles in seiner Bibel nachlesen. Und es dürfte auch jedem klar sein: Nach dem Bericht der Bibel muß das äußerst arme Volk Israel in erstaunlich kurzer Zeit alles zusammengebracht haben, was Gott ihm für den reich ausgestatteten Gottesdienst des alten Bundes vorgeschrieben hatte.

Ist es glaubwürdig, was die Bibel hierzu schreibt? Ja, denn auch die mittelalterlichen Dome wurden von einer relativ armen Bevölkerung neben vielen kleineren Kirchen zu solchen Bauwerken aufgetürmt, daß wir sie noch heute bewundern, aber zu erhalten kaum noch in der Lage sind. Das heißt: Es fehlt uns der Wille. Wo aber ein solcher Wille vorhanden ist, können auch arme Menschen erstaunliche Gottesdienststätten bauen und reich ausstatten. So ist es also auch möglich, daß die urchristlichen Gemeinden, wenn sie wirklich so arm waren, wie wir uns das oft vorstellen, dennoch die Kraft fanden, würdige Gottesdiensträume mit wirklichen Altären einzurichten.

Ich fasse zusammen: In der Urkirche gab es mehr wohlhabende Christen, als wir uns das gemeinhin vorstellen. In ihren Wohnhäusern können auch gut und problemlos geweihte Altäre gestanden haben. Aber auch arme Menschen sind oftmals zu erstaunlichen Leistungen und persönlichen Einschränkungen in der Lage, wenn sie nur ausreichend religiös motiviert sind. Insofern ist es denkbar, daß auch die armen christlichen Gemeinden imstande waren, sich einen würdigen Raum mit einem wirklichen Altar zu verschaffen.

 

Anhang: Die weißen Gewänder zur Taufe

Bei unseren Überlegungen zur Sakralität des urchristlichen Gottesdienstes hat bisher die Altarfrage im Mittelpunkt gestanden. Ich möchte aber auch noch auf einen anderen Punkt hinweisen, der uns zeigt, daß die Urgemeinde wahrscheinlich zu einem erheblichen Aufwand bereit war, wenn es um gottesdienstliche bzw kultische Dinge ging.

In den Briefen des Apostels Paulus begegnet uns wiederholt ein Bild, von dem ich lange Zeit dachte, daß es wenig überzeugend gewählt ist. Es ist dies das Bild, daß ein Christ Jesus Christus „anziehen“ solle oder „angezogen“ habe - wie ein Kleidungsstück:

Lasset uns ehrbar wandeln als am Tage, nicht in Fressen und Saufen, nicht in Wollust und Unzucht, nicht in Hader und Neid; sondern ziehet an den Herrn Jesus Christus ...
(Rm 13,13+14)

Denn wie viele von euch auf Christus getauft sind, die haben Christus angezogen.
(Gal 3,27)

An anderen Stellen ist davon die Rede, daß der Christ einen neuen Menschen angezogen habe oder anziehen solle (Kol 3,10-14 / Eph 4,24) oder daß wir bei unserer Auferstehung die Unsterblichkeit anziehen werden (1.Kor 15,53+54). Andererseits spricht Paulus auf ebenso erstaunliche Weise vom „Ausziehen“ oder „Ablegen“ des alten Menschen:

Leget von euch ab den alten Menschen mit seinem vorigen Wandel, der durch trügerische Lüste sich verderbt.
(Eph 4,22)

Belüget einander nicht; denn ihr habt ja ausgezogen den alten Menschen mit seinen Werken ...
(Kol 3,9)

Hat Paulus hier nicht ein ungeschicktes  Bild gewählt? Kann der Christ sein altes, sündiges Wesen ablegen wie ein altes Kleidungsstück? Kann er einen „neuen Menschen“ anziehen wie ein neues Gewand? Und wenn es sogar heißt, daß wir Jesus Christus „anziehen“ sollen, so scheint das Bild noch ungeeigneter zu sein. Die Kleidung des Menschen ist nicht sehr haltbar, sie verschmutzt schnell und ist der Mode unterworfen. Vor allem ist, was ein Mensch anzieht, nur äußerlich. Kann das ein gutes Bild für das Verhältnis von Jesus Christus zum Gläubigen sein?

Lange Zeit habe ich die paulinische Kleidungsmetapher nur mit innerer Zurückhaltung zur Kenntnis genommen. Nachdem ich mich jedoch mit den altkirchlichen Taufriten befaßt habe, sehe ich das von Paulus verwandte Bild mit anderen Augen. Die Taufen der alten Kirche wurden ja mit einem erstaunlichen Aufwand gefeiert. Nach einem intensiven Unterricht folgte eine vierzigtägige Fastenzeit. Zur Taufe mußte man sich nackend ausziehen, man wurde gesalbt, getauft und wieder gesalbt. Danach zogen die soeben Getauften ein weißes Kleid an, mit dem sie aus dem Baptisterium in die Kirche gingen, um dort vom Bischof gefirmt zu werden und zum ersten Mal am Abendmahl teilnehmen zu dürfen. Nach dem österlichen Taufgottesdienst durfte man das weiße Taufkleid noch acht Tage lang, bis zum Sonntag nach Ostern, zu den täglichen Gottesdiensten tragen.

Über die verschiedenen Initiationsriten mit dem dazugehörigen weißen Taufgewand werden wir ausführlich in den „Mystagogischen Katechesen“28 des Cyrill von Jerusalem (+ 386) und in der Schrift „Über die Mysterien“29 des Ambrosius von Mailand (+ 397) unterrichtet; es gibt aber auch bei anderen Kirchenvätern immer wieder Hinweise auf die weißen Taufkleider30, so daß man annehmen kann, daß es sich hier um einen gesamtkirchlichen Ritus gehandelt hat.

Nun ist schon die Beschreibung der altkirchlichen Taufriten und ihre theologische Erläuterung durch die Kirchenväter äußerst bewegend. Noch bewegender und zutiefst prägend müssen aber diese alten Taufriten für die damals Getauften selber gewesen sein. Dabei scheint auch das Anziehen des weißen Gewandes nach der vorangegangenen, relativ öffentlichen Nacktheit einen tiefen und bleibenden Eindruck auf die damaligen erwachsenen Täuflinge gemacht zu haben. Vielleicht haben viele von ihnen empfunden, was Chrysostomos mit den folgenden Worten ausdrückt31:

Durch euer leuchtendes Gewand lenkt ihr jetzt die Blicke aller auf euch, und der Glanz der Kleider zeigt eure außerordentliche seelische Reinheit an.

Wahrscheinlich hat das äußerliche Taufkleid vielen damaligen Christen geholfen, ihre innere, durch die Taufe geschenkte Reinheit besonders stark zu empfinden. Wenn das der Fall war, konnte das Bild vom „Anziehen“ des neuen Menschen oder sogar vom „Anziehen“ Jesu Christi an eine starke geistliche Erfahrung anknüpfen und so eine überzeugende Wirkung entfalten.

Die Frage ist allerdings, ob die Christen schon zu des Paulus Zeiten nach ihrer Taufe mit weißen Gewändern eingekleidet wurden, so daß Paulus in den betreffenden Briefstellen tatsächlich auf die starken Empfindungen anspielen konnte, die die Getauften mit diesem Taufkleid bleibend verbanden.

Die Frage mag überraschen. Ich meine aber, daß wir hier vor der Alternative stehen, ob Paulus tatsächlich in kaum verständlichen und wenig überzeugenden Kleidungsgleichnissen spricht, oder ob es zu diesen Gleichnissen eine einleuchtende und innerlich mitreißende Sachhälfte gibt, die eigentlich nur darin bestehen kann, daß es schon zu seinen Zeiten weiße Taufkleider in der Urkirche gab.

Die Dinge liegen doch eigentlich sehr klar. Wir wissen, daß das Neue Testament auch sonst zu den Sakramenten nur äußerst knappe Angaben macht und man vieles erst durch die spätere kirchliche Überlieferung erfährt. Darum ist es auch nicht verwunderlich, wenn die weißen Taufkleider nicht erwähnt werden, die ganz offenkundig der Hintergrund der paulinischen Kleidungsgleichnisse sein müssen. Ich bin also überzeugt, daß schon zu neutestamentlichen Zeiten zur normalen Taufe in aller Regel weiße Kleider gehörten. In dieser Überzeugung werde ich bestärkt durch verschiedene weitere Hinweise der Bibel. Da ist zunächst einmal die Tatsache, daß schon im Galaterbrief die Kleidungsmetapher mit der Taufe verknüpft ist:

Denn wie viele von euch auf Christus getauft sind, die haben Christus angezogen.
(Gal 3,27)

Da sind ferner die vielen Stellen in der Offenbarung des Johannes, in denen geschildert wird, wie die Erlösten weiße Kleider bekommen oder in weißen Kleidern auftreten: Offb 3,4+5+18 / 4,4 / 6,11 / 7,9+13+14 / 19,14.

Die neunmalige Wiederholung dieses Bildes scheint mir darauf hinzudeuten, daß es sich nicht nur um eine metaphorische Wahrheit handelt, die rein gedanklich zu erfassen wäre. In diesem Fall dürfte das Bild nicht einfach wiederholt werden, sondern es müßte nach und nach in den Details entfaltet und vertieft werden. Demgegenüber legt die einfache Wiederholung nahe, daß es einen konkreten Hintergrund geben muß, der dem Bild auch bei bloßer Wiederholung seine Kraft gibt. Der konkrete Hintergrund dürfte dann gewiß in den weißen Taufkleidern der Urkirche zu suchen sein, die offensichtlich schon zur Zeit des Apostels Johannes eine wichtige Rolle gespielt haben.

Schließlich sind in diesem Zusammenhang auch die beiden Gleichnisse Jesu vom verlorenen Sohn (Lk 15,11-32) und vom hochzeitlichen Kleid (Mt 22,1-14) zu bedenken. Der verlorene Sohn „war tot und ist wieder lebendig geworden“. Hier handelt es sich offenbar um Taufterminologie entsprechend Rm 6,3-11. Dann ist das „schönste Kleid“, das dem reuigen Sohn geschenkt wird, ein weißes Kleid - ein Taufkleid!

Kann auch mit dem „hochzeitlichen Kleid“, das einem der Eingeladenen fehlte, das weiße Taufkleid gemeint sein? Das ist durchaus möglich. Dann wird man unter dem Hochzeitsmahl, das schon begonnen hat, bevor der König kommt, das heilige Abendmahl verstehen müssen, und das Gleichnis warnt in seiner Haupt-aussage davor, daß irgend ein Ungetaufter sich in die christliche Abendmahls-feier einschleicht und an der Kommunion teilnimmt. Wenn dies doch geschieht, hat die unberechtigte Kommunion nicht Frieden und Vergebung, sondern die göttliche Ungnade zur Folge.

Ich bin mir bewußt, bei den beiden Gleichnissen eine überraschende und un-übliche Auslegung vorzuschlagen. Ich gebe aber noch einmal zu bedenken: Die mehrfachen Kleidungsmetaphern in den paulinischen Briefen können nur dann als überzeugend akzeptiert werden - und das müssen sie als inspiriertes Wort Gottes! - wenn man sie auf dem mitreißenden Erfahrungshintergrund schon damals üblicher Taufkleider versteht. Wenn aber schon Paulus bei den Taufen in seinen Gemeinden weiße Kleider angeordnet hat, dann ist es durchaus wahrscheinlich, daß diese Anordnung schon auf Jesus zurückgeht. Wenn das aber der Fall ist, fällt auch auf die beiden Gleichnisse ein besonderes, sehr konkretes Licht.

Warum befassen wir uns hier mit der Frage der weißen Taufkleider? Wenn ich recht habe, hat die in der Regel als arm und unkultisch eingeschätzte Urgemeinde auch in Hinblick auf das Taufkleid einen erstaunlichen Aufwand getrieben, der die heutige reiche Christenheit tief beschämt, die sich nur noch für einen Theaterbesuch fein anzieht, zum Abendmahl dagegen vielfach mit offenem Hemd und Bluejeans erscheint. Und heutige erwachsene Taufbewerber werden sich - bei allem Wohlstand - niemals ein besonderes Kleidungsstück für die Taufe anschaffen, und das würde auch niemand von ihnen erwarten.

Wir sind alle vom Geist der Entsakralisierung angekränkelt.

Karsten Bürgener

 

Literatur

A. Adam / R. Berger „Pastoral-liturgisches Lexikon“ (Freiburg 1981)

H. Braun „An die Hebräer“ (Tübingen 1984)

J. Braun „Der christliche Altar in seiner geschichtlichen Entwicklung“ Bd. I (München 1924)

„Liturgisches Handlexikon“ (Regensburg 1922)

H. Conzelmann „Der erste Brief an die Korinther“ (Göttingen 1996)

A. Deissler „Zwölf Propheten III. Zefanja. Haggai. Sacharja. Maleachi“ (Würzburg 1980)

W. Eichrodt „Der Prophet Hesekiel“ ATD 22/2 (Göttingen 1966)

G. Fohrer „Die Propheten des Alten Testaments“

Bd. 5 „Die Propheten des ausgehen den 6. und 5. Jahrhunderts“ (Gütersloh 1976)

E. Gräßer „Evangelisch-Katholischer Kommentar zum Neuen Testament“
Bd. XVII/3 „An die Hebräer“ (Zürich 1997)

W. Grundmann „Das Evangelium nach Lukas“ (Berlin 21963)

H. Hergermann „Der Brief an die Hebräer“ (Berlin 1988)

F. Horst „Nahum bis Maleachi“ in „Handbuch zum AT“ Bd. 14 (Tübingen 21954)

H.-J. Klauck „1. Korintherbrief“ (Würzburg 1984)

F. Lang „Die Briefe an die Korinther“ NTD 7 (Göttingen 1986)

G. Maier „Der Prophet Haggai und der Prophet Maleachi“ (Wuppertal 1985)

O. Meinardus „Paulus in Griechenland“ (Athen 21993)

O. Michel „Der Brief an die Hebräer“ (Göttingen 111960)

              „Der Brief an die Römer“ (Göttingen 111957)

K. Onasch „Liturgie und Kunst der Ostkirche in Stichworten“ (Leipzig 1981)

G. Podhradsky „Lexikon der Liturgie“ (Innsbruck 1969)

G. Rietschel „Lehrbuch der Liturgik“, neubearbeitet von P. Graf Bd. 1
(Göttingen 21951)

W. Rudolph „Haggai - Sacharja 1-8 - Sacharja 9-14 - Maleachi“ (Gütersloh 1976)

A. Schlatter „Paulus der Bote Jesu. Eine Deutung seiner Briefe an die Korinther
(Stuttgart 1956)

                „Die Briefe des Petrus, Judas, Jakobus, der Brief an die Hebräer“
                (Stuttgart 1964)

W. Schrage „Der erste Brief an die Korinther“ 2. Teilband

(Düsseldorf-Neukirchen-Vluyn 1995)

H. Stratmann „Der Brief an die Hebräer“ In NTD 9 (Göttingen 1963)

H. Warnecke „Die tatsächliche Romfahrt des Apostels Paulus“ (Stuttgart 1987)

H. Warnecke / Th. Schirrmacher „War Paulus wirklich auf Malta?“ (Stuttgart 1992)

H.-F. Weiß „Der Brief an die Hebräer“ (Göttingen 1991)

Chr. Wolff „Der erste Brief des Paulus an die Korinther. Zweiter Teil“ (Berlin 1982)

 

Anmerkungen

1.) 2.Chron 1,3-13.

2.) Ps 27,4-6 / 78,60 und Tob 13,11.

3.) Seite 111.

14.) A. Adam / R. Berger „Pastoral-liturgisches Lexikon“ Seite 17.

5.) Siehe hierzu den Aufsatz in diesem Buch: „Entsakralisierung. Ein modernes Schlagwort, ein altes Problem seit Zwingli und Calvin“.

6.) Seite 446f.

7.) Seite 74.

8.) Seite 206.

9.) Seite 129.

10.) Euseb Hist eccl III,31,3 = V,24,3.

11.) Beispielsweise in Mt 23,22 / Hebr 8,1 / 12,2 / Offb 4,2-6 / vgl aber auch Dn 7,9!

12.) J. Braun „Liturgisches Handlexikon“ Seite 11.

13.) BKV25,156f.

14.) So ist das Wort thysasthärion an dieser Stelle offenbar zu verstehen.

             Vgl Bauer WB5725.

15.) BKV25,23ff.

16.) In die gleiche Richtung bewegt sich auch die folgende Überlegung Brauns:

Ein Tisch als Altar hatte aber auch den Vorteil, daß er für die Heiden nichts Auffälliges besaß. Niemand, der nicht in die christlichen Geheimnisse eingeweiht war, sah es dem Tische an, daß er etwas mehr als ein solcher war, daß er ein liturgisches Gerät, ein Altar war; denn er erschien seinem Aussehen nach wie ein gewöhnliches Hausgerät.
(„Der christliche Altar“ Seite 49)

Wenn Braun allerdings davon ausgeht, daß der Altartisch in den ersten Jahrhunderten noch ungeweiht war, so war ein solches Versteckspiel eigentlich unnötig. Denn was hätte es geschadet, wenn ein rein profaner Tisch in die Hand der Heiden gefallen wäre?

17.) Seite 86. Meinardus selber stimmt diesem Urteil aber nur bedingt zu. Er macht auch auf die hohe Stellung des korinthischen Stadtkämmerers Erastus aufmerksam (vgl Rm 16,23). Ich werde ihn zu diesem Punkt noch ausführlich zitieren.

18.) A. a. O.

19.) Siehe O. Michel „Der Brief an die Römer“ Seite 1.

20.) Seite 86f.

21.) „Leben der Caesaren“ D 15.

22.) Hist LXVII,14.

23.) Hist eccl III,18,4.

24.) Man kann das aus einer Nachricht von Clemens Alexandrinus erschließen, wonach die Mutter eines berühmten Gnostikers mit Namen Epiphanes aus Same auf Kephallenia stammt (Strom. III,2,5.). Zur Zeit des Clemens wurde Epiphanes dort außerdem in einem aufwendigen Kult als Gott verehrt. Wenn man davon ausgeht, daß die Gnosis als Nährboden vom Glauben abgefallene Christen braucht, dann wird es dort vorher schon eine christliche Gemeinde gegeben haben. Vgl dazu A. v. Harnack „Die Mission und Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten“ Bd. II (Leipzig 1924) Seite 786.

25.) Seite 43.

26.) A. a. O., Seite 44.

27.) A. a. O., Seite 45.

28.) Myst Kat II,2 / IV,8.

29.) De myst VII,34-37.

30.) Vgl schon „Der äthiopische Text der Kirchenordnung des Hippolyt“ herausge-geben und übersetzt von H. Duensing (Göttingen 1946), Seite 93. Außerdem: Ambro-sius „Über die Mysterien“ 34;  Chrysostomos „Taufkatechesen“ II,2,3 / III,3,18 / 6,24;  Theodor von Mopsuestia hom de bapt 3,26;  Johannes Diakonus Ep ad Senarium 8 (Wilmart 175f / PL 59,403);  Gregor von Nyssa 1. Homilie zum Hohen Lied.

Auch der folgende Vergleich, mit dem Tertullian davor warnt, sich von einem Heiden belehren zu lassen, setzt vermutlich den Gebrauch weißer Taufkleider voraus:

              Was lässest du dich von einem Nackten ankleiden, wenn du Christus angezogen hast?
             (Von der Auferstehung des Fleisches 3)

31.) Taufkatechese III,6,24.

 

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