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2.

Über die Taufwasserweihe

 

Als ich ein Konfirmand war und der Pastor mit uns die Taufe behandelte, fragte er uns, was für ein Wasser wohl zur Taufe verwendet würde. Ich hatte über diese Frage noch nie nachgedacht, habe mich aber spontan gemeldet und gesagt, ich vermutete, die Täuflinge würden mit Weihwasser getauft. (Daß es einen Unterschied zwischen Weihwasser und geweihtem Taufwasser gibt, wußte ich damals noch nicht.) Mein Konfirmator hat zunächst gelächelt und dann gesagt: „Nein, zur Taufe nimmt man ganz normales Leitungswasser.“

Ich kann mich noch gut erinnern, daß mich diese Auskunft enttäuscht hat. Daß man normales, gechlortes Wasser aus der Wasserleitung für eine heilige Handlung nimmt, konnte ich zunächst nicht verstehen. Ich habe mich dieser Auskunft dann allerdings gebeugt und später auch verstanden, daß nach evangelischem Verständnis die hohe Würde der heiligen Taufhandlung nicht durch den Gebrauch von Wasser, sondern durch das Wort Gottes bzw durch das Ausrufen des trinitarischen Namens über dem Täufling gegeben ist. Ich habe akzeptiert, was im Kleinen Katechismus zu dieser Frage steht:

Die Taufe ist nicht allein schlicht Wasser, sondern sie ist Wasser in Gottes Gebot gefaßt und mit Gottes Wort verbunden.

 

Demnach macht die große Heiligkeit des Wortes Gottes jede Wasserweihe überflüssig, es genügt einfaches, schlichtes Leitungswasser.

Daß es an dieser Stelle einen konfessionellen Unterschied zur katholischen und zu den orthodoxen Kirchen gibt, habe ich bis vor wenigen Jahren nicht gewußt. Oder wenn ich doch auf diese Tatsache aufmerksam geworden sein sollte, habe ich sie für so unwichtig gehalten, daß sie nicht wirklich in mein theologisches Bewußtsein vorgedrungen ist. Erst als ich anfing, mich mit den alten Kirchenvätern zu beschäftigen, habe ich mit wachsendem Erstaunen gemerkt, daß es in der alten Kirche ganz selbstverständlich war, daß mit geweihtem Wasser getauft wurde. Und ich bin bei so vielen altkirchlichen Theologen auf Aussagen zur Taufwasserweihe gestoßen - es sind ja sogar mehrere alte Weihegebete in ihrem genauen Wortlaut überliefert1 - daß ich beschlossen habe, mich etwas gründlicher mit der Frage der Taufwasserweihe zu beschäftigen. Dabei stieß ich auf zwei überraschende Aussagen.

Einmal wird von altkirchlichen Theologen wiederholt erklärt, eine Taufe ohne geweihtes Wasser sei ungültig. Und zum anderen wird gesagt, die Taufwasserweihe komme aus der apostolischen Tradition - was ja auch selbstverständlich ist, wenn eine Taufe ohne geweihtes Wasser ungültig sein soll. Die Apostel werden ja keine ungültigen Taufen vollzogen oder angeordnet haben. Sie müssen also konsequenterweise - jedenfalls nach dieser Meinung - auch die Taufwasserweihe selber praktiziert und ihren Nachfolgern befohlen haben.

Nun schreibt jedoch Suitbertus Benz in seinem Aufsatz „Die theologische Bedeutung der Taufwasserweihe in der Tradition der Kirche“ zur Frage der Gültigkeit einer Taufe ohne geweihtes Wasser:

Die Vorstellung von der Weihe des Taufwassers ist schon früh so sehr allgemein verbreitet und mit der Taufe verbunden, daß man schließlich die Meinung vertrat, daß sie für die Gültigkeit der Taufe notwendig sei, eine Lehre, die bis in das hohe Mittelalter hinein weitergegeben wurde.

Mit anderen Worten: Die Meinung von der Notwendigkeit der Taufwasserweihe war in der Kirche eine Zeitlang sehr verbreitet; das war sogar schon sehr früh der Fall. Dennoch ist diese Ansicht nicht von Anfang an vorhanden gewesen; sie ist also noch nicht von Jesus und den Aposteln vertreten worden, sondern sie hat sich - wenn auch relativ früh - erst in nachapostolischer Zeit entwickelt, bis sie dann im hohen Mittelalter langsam wieder fallengelassen wurde.

Benz ist nicht der einzige, der glaubt, die Taufwasserweihe habe sich erst mit der Zeit entwickelt. Ich habe diese Überzeugung bei allen heutigen Theologen gefunden, bei denen ich mich über die Weihe des Taufwassers informiert habe.

Wer ein unkritischer Anhänger des allumfassenden Evolutionsgedankens ist, wird bei dieser Aussage der heutigen Theologen aufatmen und keine weiteren Fragen stellen. Er wird gerne glauben, daß sich die Ansicht von der Notwendigkeit der Taufwasserweihe erst in nachapostolischer Zeit gebildet hat, daß sie nicht ursprünglich ist. Daß sie also falsch ist. Daß der evangelischen Taufe ohne geweihtes Wasser also nichts fehlt. Wer allerdings dem theologischen Darwinismus mißtraut, wird nach Beweisen fragen: Gibt es irgendeinen Beweis oder Hinweis darauf, daß die Taufwasserweihe sich wirklich erst in nachapostolischer Zeit entwickelt hat?

Zwei Argumente sind es, die normalerweise angeführt werden, um die These von der späten Entstehung der Taufwasserweihe zu stützen: Im Neuen Testament scheint sich keine Spur von einer Taufwasserweihe zu finden, und auch in der ältesten christlichen Literatur hat man bisher keinerlei Hinweis auf eine Taufwasserweihe entdecken können. Dabei fällt besonders die in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts verfaßte Didache ins Gewicht, die sich relativ ausführlich zur Taufe wie auch zur Beschaffenheit des Taufwassers äußert, von einer Weihe des Wassers aber nichts verlauten läßt (Did 7,1-4). Ebenso scheint auch Justin, der sich in den Kapiteln 61+62 seiner 1. Apologie ausgiebig zur Taufe äußert, von einer Weihe des Wassers nichts zu wissen. Daher erklärt das „Pastoralliturgische Handlexikon“, eine Segnung des Taufwassers sei

erstmals bezeugt bei Tertullian um 200.
(Seite 511)

Wir werden jedoch sehen, daß die Theologie zwei wichtige Belegstellen bei Justin und Ignatius bisher übersehen hat, und daß es sogar im Hebräerbrief einen Hinweis auf das kultisch gereinigte Taufwasser gibt. Man muß diese Stelle nur ausreichend beachten und recht verstehen.

Bevor wir uns jedoch mit den kurzen Hinweisen und knappen Andeutungen der ältesten Belegstellen befassen, möchte ich zunächst einige spätere Kirchenväteräußerungen voranstellen, damit wir uns ein möglichst konkretes Bild von der Taufwasserweihe machen können.

In der Beschreibung des Lebens des heiligen Chrysostomos berichtet Palladius  (+ vor 431) vom Überfall der kaiserlichen Soldaten, die zur Zeit der österlichen Tauffeier in die Kirche des Patriarchen eindrangen. Palladius schreibt3:

Die Frauen, die sich im Gotteshaus zur Tauffeier bereits entkleidet hatten, flüchteten augenblicklich, durch den grausamen Überfall angstverwirrt, halbnackt ins Freie ... Viele von ihnen wurden mit Wunden am Leib hinausgescheucht. Die Taufbecken füllten sich mit Blut, und das geweihte Wasser färbte sich von den jämmerlichen Wunden rot.

Der dramatische Bericht vermittelt uns einen guten Eindruck davon, daß man das geweihte Taufwasser als heilig angesehen hat und welch ein Frevel es dementsprechend war, daß die Horde der kaiserlichen Soldaten das geheiligte Taufwasser mit dem Blut der Taufanwärterinnen vermischte.

*

In der „Großen Katechese“ des Gregor von Nyssa, einer Anleitung für Katecheten, die es mit gebildeten Taufanwärtern zu tun haben, ist in zwei ausführlichen Kapiteln von der Taufwasserweihe die Rede (Kap. 33+34). Dabei spricht Gregor von einem „über dem Wasser verrichteten Gebet“ und der „Anrufung der göttlichen Macht“, wodurch eine „Lebensquelle für die Einzuweihenden“ entstehe. Es gibt allerdings „Widerspenstige“, die nur auf den äußeren Schein sehen (33,1). Ihnen gegenüber erklärt Gregor nach einer längeren Argumentation:

So  haben wir überhaupt keine Möglichkeit, zu bezweifeln, daß die Gottheit zugegen ist.
(34,4)

Dem Zusammenhang nach ist klar, was Gregor meint: Die Gottheit ist durch die Weihe im Taufwasser zugegen. Nachdem er mit dieser Feststellung seine Ausführungen über die Taufwasserweihe beendet hat, wendet er sich mit folgenden Worten der eigentliche Taufe zu:

Der Einstieg des Menschen in das Wasser und sein dreifaches Verweilen in ihm birgt ein weiteres Geheimnis.
(35,1)

Demnach vollzieht sich schon in der Taufwasserweihe ein „Geheimnis“, also ein sakramentaler Akt oder eine Art Sakrament .

*

Daß Gott bzw Jesus Christus durch die Weihe im Wasser zugegen ist, erklärt auch Cyrill von Jerusalem in der einleitenden Katechese seiner Taufkatechesen, in der er mit folgenden Worten auf die bevorstehende Taufe hinweist:

Dann möge sich jedem von euch - ob Mann, ob Weib - die Tür des Paradieses öffnen! Dann sollt ihr an dem wohlriechenden Wasser teilhaben, welches Christum (!) bringt.
(Prokat. 15 / vgl auch Kat. III,3)

Afrahat, ein persischer Theologe in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts, erklärt, daß durch die Taufwasserweihe der Heilige Geist im Wasser wohnt und bei der Taufe auf die Täuflinge übergeht:

Aus der Taufe empfangen wir nämlich den Geist Christi, denn zu der Stunde, da die Priester (= die Bischöfe) den Geist anrufen, öffnet er den Himmel, steigt herab und schwebt auf dem Wasser, und die, die getauft werden, ziehen ihn an. Denn von allen (nur) leiblich Geborenen ist der Geist fern, bis sie zur Geburt aus dem Wasser gelangen; dann empfangen sie den Geist der Heiligkeit.
(Demonstrationes 6,14)

Nach dem Weihegebet des Serapion von Thmuis ist es wiederum Jesus Christus, der - hier noch urtümlich als „Logos“ bezeichnet - Wohnung im geweihten Wasser nimmt. Dies geschieht nach Serapion in der gleichen Weise wie bei der Empfängnis Jesu, nämlich durch die Kraft des Heiligen Geistes:

König und Herr aller Dinge, Schöpfer des Alls ... Siehe nun herab vom Himmel  und  blicke  auf  diese  Gewässer  und  erfülle  sie  mit  dem Heiligen  Geiste.  Dein  unaussprechlicher  Logos  werde  in  ihnen. Verwandle ihre Kraft und bereite sie zu zeugenden (Gewässern) voll Deiner Gnade ...
(Euchologium 7. Gebet)

In diesem Weihegebet wird nun aber auch die Überzeugung ausgedrückt, daß die Taufe ohne geweihtes Wasser „inhaltsleer“, also ungültig ist:

Verwandle ihre Kraft und bereite sie zu zeugenden (Gewässern) voll Deiner Gnade, damit das jetzt zu vollziehende Geheimnis nicht inhaltsleer befunden werde in den Wiedergeborenen, sondern daß es alle, die niedersteigen und getauft werden, mit der göttlichen Gnade erfülle.
(Euchologium 7. Gebet)

Die gleiche Überzeugung, daß eine Taufe ohne gesegnetes Wasser ungültig ist, drückt Augustin mit seiner Äußerung aus, daß überhaupt keines der Sakramente und keine Weihe „rechtmäßig“ vollzogen sei, wenn dabei nicht das zum Gebet hinzutretende Segenskreuz geschlagen werde:

Was ist schließlich das allen bekannte Zeichen Christi anderes als das Kreuz Christi. Und wenn dieses Zeichen nicht gemacht wird an der Stirn der Gläubigen oder über das Wasser, woraus sie wiedergeboren werden, oder über das Öl, womit sie im Chrisam gesalbt, oder über das Opfer, womit sie genährt werden, so wird nichts hiervon rechtmäßig vollbracht.
(118. Vortrag über das Johannesevangelium)

Der gleichen Überzeugung ist auch Ambrosius. In seiner Schrift „Über die Mysterien“ schreibt er zunächst allgemein über die Taufwasserweihe:

Was hast du geschaut? Wasser - ja, doch nicht allein. Leviten (sahst du), wie sie daselbst Dienste taten, den Hohenpriester, wie er Fragen stellte und die Weihe (des Taufwassers) vornahm.
(Über die Mysterien III,8)

Als „Leviten“ werden in der alten Kirche oft die Diakone bezeichnet. „Hoherpriester“ ist dementsprechend ein häufig gebrauchter Ausdruck für den Bischof.

Über die Notwendigkeit der Taufwasserweihe äußert sich Ambrosius dann an der folgenden Stelle:

Das Wasser nämlich ohne die „Predigt vom Kreuz des Herrn“ nützt ganz und gar nichts zum künftigen Heile. Da es aber, durch das Geheimnis des Kreuzes konsekriert, zum Heilswasser geworden: da nun dient es bestimmungsgemäß zum Geistesbad ...
(Über die Mysterien III,14)

Als „Predigt vom Kreuz“ wird hier das normalerweise mit der Hand segnend in das Wasser gemalte Kreuz verstanden. Bei Ambrosius ist es allerdings ein Holzkreuz, das in segnender Absicht in das Wasser eingetaucht wird. Auf diese Besonderheit der Taufwasserweihe bei Ambrosius werden wir an anderer Stelle noch zu sprechen kommen. Jedenfalls wird die Weihe durch ein segnendes Kreuzeszeichen bewirkt - selbstverständlich nur im Zusammenhang mit den entsprechenden Gebeten. Und es ist klar, daß Ambrosius meint: Ohne diese Weihe gibt es kein gültig geweihtes Taufwasser, keine gültige Taufe und kein zukünftiges Heil.

An anderer Stelle führt Ambrosius Joh 3,5 als Belegstelle für die Taufwasserweihe an und erklärt damit indirekt, daß schon Jesus bei seinem Gespräch mit Nikodemus an das durch den Heiligen Geist geweihte Taufwasser gedacht hat:

Was ist denn das Wasser ohne das Kreuz Christi? Ein gewöhnliches Element ohne irgendwelche sakramentale Wirkung. Aber auch umgekehrt: Ohne Wasser kein Geheimnis der Wiedergeburt; denn „wer nicht wiedergeboren ist aus Wasser und Geist, kann nicht in das Reich Gottes eingehen.“
(Über die Mysterien IV,20)

 

Demnach hätte schon Jesus mit der von ihm geprägten Formel von der Wiedergeburt „aus Wasser und Geist“ erklärt, daß ein Mensch nur durch ein Taufwasser wiedergeboren werden kann, in dem durch die Weihe die Kraft des Heiligen Geistes wirksam ist.

Ambrosius ist nicht der einzige altkirchliche Theologe, der Joh 3,5 in diesem Sinn versteht. Auch Theodor von Mopsuestia äußert sich in der gleichen Richtung4:

(Du steigst) ins Wasser hinab, das durch die Segnung des Priesters geheiligt worden ist, da du nämlich nicht in gewöhnlichem Wasser getauft wirst, sondern im Wasser der Wiedergeburt, das nur durch das Hinzukommen des Heiligen Geistes dazu werden konnte. Der Priester muß vortreten und nach der Ordnung des priesterlichen Dienstes - indem er bestimmte Worte verwendet - Gott bitten, daß die Gnade des Heiligen Geistes auf das Wasser herabkomme, (und) daß er es ermächtige und befähige, (Leben) zu zeugen in dieser furchtgebietenden Geburt, und es zum Schoß der sakramentalen Geburt wird. Denn auch unser Herr hat, als Nikodemus sagte: „Wie kann man ein zweites Mal in den Mutterleib hineinkommen und wiedergeboren werden?“, geantwortet: „Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist wiedergeboren wird, kann er nicht ins Reich Gottes gelangen.“

Besonders deutlich bringt Johannes Damaszenus zum Ausdruck, daß sich die Begründung und Notwendigkeit der Taufwasserweihe in dem in Joh 3,5 überlieferten Jesuswort findet:

Er (Jesus Christus) hat uns den Auftrag gegeben, wir sollen durch Wasser und Geist wiedergeboren werden, indem durch Gebet und Anrufung der Heilige Geist zum Wasser hinzukommt.
(De orth. fide IV,9)

Auf die Frage, ob man Joh 3,5 tatsächlich als biblische Belegstelle für die Taufwasserweihe ansehen kann, möchte ich an dieser Stelle nicht eingehen. Die Formel „Wasser und Geist“ läßt sich auch anders deuten. Wir werden aber später noch einmal auf diese Frage zurückkommen. Hier möchte ich zunächst noch ein anderes Zitat von Ambrosius einfügen, in dem er erklärt, daß durch die Weihe die Trinität im Taufwasser gegenwärtig ist5:

Denn sobald der Bischof eingetreten ist, spricht er einen Exorzismus ... Danach spricht er eine Anrufung, verbunden mit der Bitte, daß der Taufbrunnen geheiligt werde und die ewige Dreifaltigkeit anwesend sei.

 

Auch auf den Exorzismus bei der Taufwasserweihe möchte ich an dieser Stelle nicht eingehen, ich werde aber am Ende dieses Aufsatzes kurz darauf zurückkommen.

Als wichtiges Zwischenergebnis halten wir hier zunächst fest: Nach den bisher angeführten Aussagen vollzieht sich durch die Wasserweihe eine tiefgreifende Änderung. Durch die Weihe wohnt im Taufwasser nach Serapion von Thmuis und Cyrill von Jerusalem Christus, nach Afrahat, Theodor von Mopsuestia und Johannes Damaszenus der Heilige Geist, nach Gregor von Nyssa die Gottheit und nach Ambrosius die ewige Dreifaltigkeit. Es versteht sich von selbst, daß mit solchen großen Aussagen keine passive Anwesenheit der Gottheit im Taufwasser gemeint sein kann, daß vielmehr die geistliche Wirkung der Taufe in erster Linie auf die Anwesenheit Gottes im Taufwasser zurückgeführt wird. Damit wird aber auch verständlich, daß die Taufwasserweihe immer wieder als notwendige Voraussetzung für die Gültigkeit der Taufe angesehen wird.

Besonders ausführlich äußert sich Cyprian zur Ungültigkeit einer Taufe ohne geweihtes Taufwasser. Das Problem, um das es damals ging, war die Anerkennung der Ketzertaufe. Cyprian lehnt sie ab mit dem Argument, daß die Ketzer nicht einmal das Wasser weihen könnten, also sei auch ihre Taufe ungültig. Dieser Schlußfolgerung wurde damals allerdings von einigen innerkirchlichen Gegnern widersprochen. Demgegenüber beruft sich Cyprian zunächst auf ein früheres nordafrikanisches Konzil des Jahres 220 und berichtet dann über den Beschluß eines erneuten Konzils, das im Jahr 255 unter seiner Leitung stattgefunden hatte:

Damit ... das Wasser durch seine Taufe die Sünden abwaschen kann, muß es zuvor vom Priester gereinigt werden; denn der Herr spricht durch den Mund Ezechiels: „Und ich werde reines Wasser über euch sprengen, und ihr werdet gereinigt werden von aller eurer Unreinigkeit und von allen euren Götzen. Und ich werde euch reinigen und euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euch legen.“ (Hes 36,25+26) Wie kann aber jemand das Wasser reinigen und heiligen, der selbst noch unrein ist und den Heiligen Geist nicht hat? Sagt doch der Herr im Buche Numeri: „Und alles, was ein Unreiner berührt, wird unrein sein“ (4.Mose 19,22). Oder wie soll der Taufende einem anderen die Vergebung der Sünden erteilen können, wenn er außerhalb der Kirche sich seiner eigenen Sünden nicht entledigen kann? Aber schon die Frage, die bei der Taufe gestellt wird, bezeugt die Wahrheit. Denn wenn wir sagen: „Glaubst du an das ewige Leben und an die Vergebung der Sünden durch die heilige Kirche?“, dann sehen wir, daß nur innerhalb der Kirche eine Sündenvergebung möglich ist, daß aber bei den Ketzern, wo die Kirche nicht ist, auch keine Sünden erlassen werden. Deshalb mögen jene, die die Ketzer in Schutz nehmen, die Fragestellung ändern, oder für die Wahrheit eintreten ...
(Brief 70,1+2)

In einem weiteren Brief bekräftigt Cyprian noch einmal seine Auffassung, daß ohne gültige Wasserweihe keine gültige Taufe zustande kommen könne. Er weist zurück, was sich später allerdings dann doch als allgemein anerkannte kirchliche Lehre durchgesetzt hat, daß eine Taufe notfalls auch ohne Wasserweihe, allein durch die bei der Taufe gesprochene Taufformel gültig sein könne. Immerhin scheinen Cyprians innerkirchliche Gegner mit ihm übereingestimmt zu haben, daß zumindest die Ketzerfirmung ungültig sei. Auf diese Übereinstimmung, die sich allerdings auch nicht gesamtkirchlich durchgesetzt hat, beruft sich Cyprian:

Oder wenn sie die Wirksamkeit der Taufe der Majestät des Namens zuschreiben und ihnen die irgendwo und irgendwie im Namen Jesu Getauften als erneuert und geheiligt gelten, warum legt man denn dort nicht auch im Namen des gleichen Christus den Getauften die Hand (gültig) auf zum Empfang des Heiligen Geistes?
... so ist auch das eine alberne Behauptung von ihnen, es könne jemand bei den Ketzern in geistlichem Sinne geboren werden, obwohl doch nach ihrer Versicherung dort der (Heilige) Geist gar nicht ist. Denn von den Sünden zu reinigen und den Menschen zu heiligen, vermag das Wasser allein nicht, wenn es nicht auch den Heiligen Geist hat.
(Brief 74,5)

Die Argumentation des Cyprian setzt die Taufwasserweihe also als allgemein üblich voraus. Ihre unbedingte Notwendigkeit wird dagegen im Zusammenhang mit dem Ketzertaufstreit von den uns unbekannten innerkirchlichen Gegnern bestritten. Immerhin stimmen, wie wir gesehen haben, Serapion von Thmuis, Ambrosius, Augustin und Theodor von Mopsuestia der Auffassung des Cyprian zu, wonach es ohne gültig geweihtes Taufwasser keine gültige Taufe gibt.

*

Zu den frühesten allgemein anerkannten Erwähnungen der Taufwasserweihe gehören zwei Stellen bei Tertullian (+ nach 220) und Hippolyt (+ 235)6. Hippolyt beginnt seine Schilderung des Ostermorgens, an dem die Täuflinge getauft wurden, mit den Worten:

Zur Zeit des Hahnenschreis soll man zunächst über dem Wasser beten. Es soll Wasser sein, das aus einer Quelle fließt oder von oben herabfließt. So soll man es halten, wenn die Verhältnisse es nicht anders erzwingen. In einer andauernden und bedrückenden Zwangslage kann man sich jedoch des Wassers bedienen, das man gerade vorfindet.
(TA 21)

Tertullian schreibt über das geweihte Taufwasser:

Folglich erlangt jedes Wasser ... die geheimnisvolle Wirkung, zu heiligen durch die Anrufung Gottes. Denn es  kommt sofort der Geist vom Himmel darüber herab und ist über den Wassern, indem er sie aus sich selbst heiligt, und so geheiligt, saugen sie die Kraft des Heiligmachens ein.
(Über die Taufe 4)

Normalerweise werden Tertullian und Hippolyt als die frühesten Zeugen der Taufwasserweihe angesehen. Dabei bleibt jedoch der doppelte Hinweis, der sich bei Justin dem Märtyrer (+ um 165) im Dialog mit dem Juden Tryphon findet, unbeachtet. Justin schreibt:

Christus, obwohl der Erstgeborene aller Schöpfung, ist auch der Anfang eines zweiten Geschlechtes geworden. Dieses nun hat er wiedergeboren durch Wasser, Glaube und Holz, das Geheimnis des Kreuzes, gleichwie Noah mit den Seinigen gerettet wurde, da er im Holze (der Arche) auf den Wassern schwamm.
(Dial CXXXVIII,2)

Ein kleines Stück später wiederholt Justin diese Aussage:

Durch Wasser, Glaube und Holz nämlich werden die, welche rechtzeitig vorsorgen, dem kommenden Gerichte Gottes entrinnen.
(Dial CXXXVIII,3)

Daß Justin hier zweimal von der Taufe spricht, ist ja unmittelbar einleuchtend. Was ist aber mit der merkwürdigen, offenbar geprägten Redewendung „Wasser, Glaube und Holz“ gemeint?

In diesem Zusammenhang müssen wir noch einmal zu Ambrosius und der von ihm bezeugten Besonderheit der Wasserweihe zurückkehren, auf die ich oben nur kurz hingewiesen habe. Während in der alten Kirche normalerweise das Wasser kreuzweise mit der Hand geteilt oder auch ein Segenskreuz mit der Hand über dem Wasser geschlagen wurde, wurde bei Ambrosius zum gleichen Zweck der Segnung ein Holzkreuz in das Wasser eingetaucht. Ambrosius schreibt:

Die Quelle Mara war bitter. Mose warf ein Stück Holz hinein, und sie wurde süß. Das Wasser ist nämlich ohne den Lobpreis des Kreuzes des Herrn für das zukünftige Heil bedeutungslos. Wenn es aber durch das Mysterium des heilbringenden Kreuzes konsekriert worden ist, dann ist es bereitet, um als geistliches Bad ... verwendet zu werden. Wie also Mose ... in jene Quelle ein Stück Holz geworfen hat, so senkt der Bischof in diesen Brunnen den Lobpreis des Kreuzes des Herrn, und das Wasser wird zur süßen Gnadenquelle.
(Über die Mysterien III,10)

Nach dem Ritus, den Ambrosius hier beschreibt, wird das Segenskreuz bei der Taufwasserweihe also nicht irgendwie mit der Hand dargestellt, sondern durch das Eintauchen eines Holzkreuzes in das Wasser. Dabei beruft sich Ambrosius auf das symbolisch verstandene Vorbild des Mose, der ebenfalls mit einem Holzstück das bisher ungenießbare Wasser in Mara in genießbares Trinkwasser verwandelt hat (vgl 2.Mose 15,23-25).

An anderer Stelle beruft sich Ambrosius für die Wasserweihe durch ein Holzkreuz auch auf das symbolische Vorbild der Sintflutgeschichte:

Vernimm noch ein weiteres Zeugnis! ... Da Gott wiederherstellen wollte, was er (ursprünglich) gegeben hatte, ließ er die Sintflut kommen und befahl dem gerechten Noah, in die Arche zu steigen. Als die Flut sank, entließ dieser zunächst einen Raben, der nicht zurückkehrte. Später entließ er eine Taube, von der es heißt, sie sei mit einem Ölzweig zurückgekommen. Du siehst das Wasser, du siehst das Holz, du erblickst die Taube und du zweifelst, daß hier ein Mysterium vorliegt? / Das Wasser ist es, in das das Fleisch eingetaucht wird, damit alle fleischlichen Sünden abgewaschen werden ... Das Holz ist es, an dem der Herr Jesus angenagelt worden ist, als er für uns litt.
(Über die Mysterien III,10+11)

Es ist ja ganz eindeutig, daß Ambrosius hier vom „Mysterium“ der Taufe - vom sakramentalen „Geheimnis“ der Taufe - spricht, wobei er die Sintflutgeschichte als typologisches Vorbild der Taufe wie auch der Wasserweihe hinstellt. Der im Schnabel der Taube sinnbildlich dargestellte Holzzweig weist sowohl auf das Kreuz Christi als auch auf das Mysterium der Wasserweihe hin. So muß man diese Stelle zumindest im Zusammenhang mit der vorigen Stelle verstehen, wo mit dem „Holz“ noch etwas deutlicher das zur Weihe verwendete Holzkreuz bezeichnet wurde.

Wenn wir nun bei Justin im Zusammenhang mit der Taufe die gleichen Stichwörter „Wasser“, „Holz“, „Geheimnis des Kreuzes“ und „Noah“ finden, so ist überhaupt kein Zweifel möglich: Auch Justin hat eine Taufwasserweihe vor Augen, bei der das Wasser durch ein Holzkreuz geweiht wird.

Nun wird vielleicht doch jemand die Frage stellen: Warum äußert Justin sich nicht deutlicher? Und warum macht er hier an abgelegener Stelle einen nur schwer verständlichen Hinweis, während er die Wasserweihe bei seiner ausführlichen Beschreibung der urchristlichen Taufe in seiner 1. Apologie überhaupt nicht erwähnt?

Diese Frage ist leicht zu beantworten mit dem Hinweis auf die urchristliche Arkandisziplin. Ich habe mich darüber ja schon im Aufsatz „Arkandisziplin und Epiklese“ ausführlich geäußert. An dieser Stelle möchte ich nur noch einmal auf die folgende Äußerung von Basilius dem Großen zurückkommen:

Wir segnen auch das Wasser der Taufe und das Öl der Salbung und außerdem den Täufling selbst. Auf welche schriftlichen Zeugnisse stützen wir uns da? Lassen wir uns dabei nicht von der verschwiegenen und geheimisvollen Überlieferung leiten? Oder welches geschriebene Wort lehrt die Salbung mit Öl? Das dreifache Untertauchen des Täuflings, woher kommt es? Und jenes andere bei der Taufe: dem Satan und seinen Engeln abzusagen, aus welcher Schrift kommt das? Etwa nicht aus dieser unveröffentlichten und unausgesprochenen Lehre, die unsere Väter in unbekümmertem und schlichtem Schweigen beobachteten, weil sie wohl wußten, daß die Ehrwürdigkeit der Geheimnisse durch Stillschweigen bewahrt bleibt?
(De Spiritu Sancto 27)

 

Die ganze alte Kirche hat ja die Sakramente und viele dazu gehörende Riten durch eine mehr oder weniger strenge Arkandisziplin zu schützen versucht. Es ist also verständlich, wenn Justin, der in seiner 1. Apologie erstaunlich offen über die urchristliche Taufe und den urchristlichen Abendmahlsgottesdienst berichtet, bei der Taufe wenigstens die Taufwasserweihe übergeht. Und es ist ebenfalls verständlich, wenn er an anderer Stelle nur einen sehr kurzen Hinweis auf die Wasserweihe gibt. Immerhin ist der Hinweis deutlich genug, und wir müssen Justin dankbar sein für dieses frühe Zeugnis.

*

Es gibt aber noch frühere Zeugnisse für die Taufwasserweihe. Sie finden sich - wenn auch nur andeutungsweise - schon in der Bibel, wie auch bei Ignatius von Antiochien (+ um 110).

Schon Cyprian verweist auf eine Hesekielweissagung, in der sehr betont von einer Taufe mit „reinem Wasser“ die Rede ist:

... und ich will reines Wasser über euch sprengen, daß ihr rein werdet; von all eurer Unreinheit und von allen euren Götzen will ich euch reinigen.
(Hes 36,25)

Der hebräische Wortstamm THR, der in diesem Vers dreimal erscheint, wird im Alten Testament überwiegend für eine Reinheit im kultischen Sinn gebraucht. Daß dies auch an dieser Stelle der Fall ist, zeigt der Zusammenhang, in dem von einer durch Götzendienst verursachten kultischen Unreinheit die Rede ist. Es wird hier also eine kultische Reinigung durch kultisch reines Wasser prophezeit. Mit dieser Reinigung werden die größten Heilsgaben verknüpft:

Und ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben. Ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun.
(Hes 36,26+27)

Wir haben gesehen, daß Cyprian diese kultische Reinigung durch kultisch reines Wasser auf die christliche Taufe deutet. Er ist aber nicht der erste, der das tut. Schon der Hebräerbrief nimmt die in der Hesekielweissagung erwähnte Besprengung mit reinem Wasser und die dadurch bewirkte Verwandlung der Herzen auf und bezieht sie auf die Taufe:

... lasset uns hinzugehen mit wahrhaftigem Herzen in völligem Glauben, besprengt in unsern Herzen und los von dem bösen Gewissen und gewaschen am Leibe mit reinem Wasser.
(Hebr 10,22)

Otto Michel gibt in seinem Hebräerbriefkommentar zunächst zu, daß sich in Hebr 10,22 zwei Ausdrücke aus der Kultsprache finden. Er schreibt zu den beiden Worten „besprengt“ und „losgelöst“7:

Die beiden Partizipien stammen aus der Kultsprache ...

Dann aber versucht er, der Konsequenz zu entgehen, daß offenbar auch das „reine Wasser“ als kultisch rein zu verstehen ist, indem er erklärt8:

... weil das Wasser der Taufe reinigt, heißt es selbst „rein“ ...

Eine solche Deutung ist schon allein philologisch unhaltbar. Das zum Substantiv „Wasser“ gehörende Adjektiv „rein“ bedeutet, daß das Wasser zunächst selber rein ist, auch wenn dann vom Wasser zugleich gesagt wird, daß es eine reinigende Wirkung hat.

Was aber ist unter „reinem Wasser“ zu verstehen? Wenn man den kultischen Hintergrund dieses Wortes in Hes 36,25 bedenkt und den kultischen Kontext in Hebr 10,22 selber, und wenn man auch die weitverbreitete Praxis der alten Kirche in die Überlegung miteinbezieht, so kann es gar keinen Zweifel geben: Die Taufwasserweihe ist schon im Hebräerbrief bezeugt - zwar nur andeutungsweise, aber doch deutlich genug!

Wenn aber der von Paulus geschriebene oder unter seiner Verantwortung von einem engen Mitarbeiter verfaßte Hebräerbrief die Taufwasserweihe kennt bzw als selbstverständliche Praxis der Kirche voraussetzt, so muß die Taufwasserweihe schon von Jesus angeordnet sein, denn es ist undenkbar, daß die Apostel sich zu den überaus wichtigen und heilsentscheidenden Sakramenten eigene Änderungen oder Zusatzriten ausgedacht haben.

In diesem Zusammenhang kommen wir nun noch einmal auf Joh 3,5 zurück. Zwar ist die Formel „Wasser und Geist“ vieldeutig. Sie könnte besagen: Ein Christ wird wiedergeboren durch das Wasser der Taufe und durch den geistgewirkten Glauben (vgl Mk 16,16). Oder: Ein Christ wird wiedergeboren durch die beiden Sakramente der Taufe und der Firmung. Auf dem Hintergrund der alten Kirche und in Hinblick auf Hes 36,25/Hebr 10,22 wird man aber auch die Deutungsmöglichkeit in Erwägung ziehen müssen, daß Jesus hier schon vom geweihten Taufwasser spricht. Ja, diese Auslegung erweist sich sogar als die besonders wahrscheinliche, wenn man auf die Präposition „aus“ achtet. Wie ein Kind aus dem Schoß seiner Mutter kommt, kommt auch der Getaufte als ein neuer Mensch aus dem Taufwasser oder Taufbrunnen hervor. Dagegen paßt das Bild vom „Hervorkommen aus“ nur schlecht zum geistgewirkten Glauben oder auch zur geistvermittelnden Firmung.

Es spricht also doch einiges dafür, wenn Johannes Damaszenus erklärt, die Taufwasserweihe sei durch Jesus Christus eingesetzt worden:

Er (Jesus Christus) hat uns den Auftrag gegeben, wir sollen durch Wasser und Geist wiedergeboren werden, indem durch Gebet und Anrufung der Heilige Geist zum Wasser hinzukommt.
(De orth. fide IV,9)

Nun wird die Annahme, daß die Taufwasserweihe auf Jesus selber zurückgeht, bei den Lesern dieses Aufsatzes vielleicht auf Überraschung, wenn nicht sogar auf Ablehnung stoßen. Müßte nicht doch etwas mehr im Neuen Testament stehen als nur das kleine Wort „rein“ in Hebr 10,22 und die kurze Formel „aus Wasser und Geist“ in Joh 3,5, wenn die Wasserweihe auf Jesus zurückgehen, von ihm angeordnet und dementsprechend wichtig sein soll?

Gegenüber diesem Einwand gebe ich auch in diesem Aufsatz noch einmal zu bedenken: Auch über die Taufe selber steht im Neuen Testament nur sehr wenig. Wenn wir alles beiseite lassen, was wir nur aus der Überlieferung oder Entscheidung der Kirche über die Taufe wissen, und wenn wir versuchen, uns nur aus dem Neuen Testament ein Bild über die Taufe zu machen, bleiben ja erstaunlich viele Fragen offen:

Daß die Taufe eine geistige Waschung ist, ist ja klar. Aber wie soll diese Waschung vollzogen werden? Genügt ein einmaliges kurzes Untertauchen, weil es ja nur eine Taufe gibt? Oder soll der Täufling dreimal untertauchen, der heiligen Trinität  entsprechend? Oder gilt hier das symbolische Vorbild des Naeman, der nach dem Bericht des Alten Testaments siebenmal im Jordan untergetaucht ist?

Oder ist es vielleicht gar nicht nötig, daß der Täufling ganz und gar untertaucht? Die Taufe ist ja eine Waschung. Soll sich der Täufling also bis zu den Knien ins Wasser stellen und sich richtig waschen, wie jemand, der sich heute bei einer Zeltfahrt im Fluß wäscht, und soll dabei der taufende Pfarrer daneben stehen und ganz bestimmte Gebete sprechen, so daß die körperliche Waschung zur geistlichen Reinigung wird?

Genügt eine Besprengung mit Wasser? Genügt es, den Kopf mit nur wenig Wasser zu besprengen?

Muß zur Taufe nicht nur gebetet, sondern auch ein begleitendes Wort gesprochen werden? Das Neue Testament gibt hier ja keine eindeutige Auskunft. Es heißt dort zweimal, daß die Gläubigen „auf den Namen Jesu Christi“ getauft werden sollten bzw getauft wurden (AG 2,38+19,5), und ein anderes Mal heißt es, daß die Täuflinge „auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ getauft werden sollen (Mt 28,19). Es geht aber aus keiner dieser Stellen hervor, daß eins von beiden die Taufformel ist, das andere aber nur eine kurze theologische Zusammenfassung.

Und wer hat die Vollmacht zur Taufe? Nur die Amtsträger der Kirche, oder jeder Christ? Kann auch ein Schismatiker oder ein Häretiker oder ein Nichtchrist gültig taufen?

Auf alle diese Fragen erhalten wir aus der Bibel keine Antwort. Wir haben also auch in Hinblick auf die Taufe selber nur ganz ungenügende Aussagen in der Bibel. Es sind ja erst die kommentierende Tradition und die Praxis der Kirche, die uns einen sicheren Vollzug dieses Sakramentes ermöglichen. Zu dieser Tradition und Praxis gehört nun aber - zumindest bis zur Reformation - auch die Taufwasserweihe, und es gibt dazu sogar drei biblische Stützen: Die alttestamentliche Weissagung im Hesekielbuch, die Erwähnung des kultisch reinen Taufwassers im Hebräerbrief und das Wort im Johannesevangelium von der Wiedergeburt „aus Wasser und Geist“. Braucht es wirklich noch eine deutlichere Bezeugung der Einsetzung der Taufwasserweihe durch Jesus Christus?

Wenn man erst einmal darauf aufmerksam geworden ist, daß sich hinter den beiden Worten „reines Wasser“ eine Anspielung auf die Taufwasserweihe verbirgt, wird man auch in der folgenden Stelle aus dem Epheserbrief des Ignatius von Antiochien (+ um 110) einen Hinweis auf die Taufwasserweihe finden:

Denn unser Gott, Jesus Christus ... wurde geboren und getauft, um durch sein Leiden das Wasser zu reinigen.
(IgnEph 18,2)

 

Ersetzen wir in dieser Aussage das Wort „Leiden“ durch das Wort „Kreuz“, und stellen wir uns vor, wie das Leidenskreuz Christi als ein Segenszeichen mit der Hand über dem Wasser geschlagen wird, so ergibt sich aus dem Ignatiuswort ein erstaunlich deutlicher Hinweis auf die Taufwasserweihe.

Es gibt also doch schon vor Tertullian und Hippolyt einige - wenn auch nur sehr knappe - Hinweise auf die Taufwasserweihe. Diese Hinweise finden sich schon in der Bibel wie dann auch bei Ignatius und Justin. Es besteht also keinerlei Grund zu der Annahme, die Taufwasserweihe habe sich erst in nachbiblischer Zeit allmählich entwickelt. Es ist vielmehr äußerst wahrscheinlich, daß sie schon von Jesus selbst eingesetzt worden ist; daß sie also von Anfang an ein genuiner Bestandteil des Taufsakramentes war. Daher ist es auch gut zu verstehen, daß eine Taufe ohne geweihtes Wasser nach Ansicht der alten Kirche ungültig war.

*

Während die alte Kirche die Taufwasserweihe in höchsten Ehren gehalten hat, ebbt das Interesse zumindest der Theologen im Mittelalter ab. Die Taufwasserweihe gehört zwar zum Ritus, der unbedingt vollzogen wird, aber Thomas von Aquin hält sie kaum noch für nötig9:

Jene Segnung, die dem Wasser gegeben wird, ist für die Taufe nicht notwendig, sondern dient einer gewissen Feierlichkeit, welche die Andacht der Gläubigen entzündet und die Arglist des Teufels vereitelt, damit er die Wirkung der Taufe nicht verhindere.

 

Daß das geweihte Taufwasser notwendige Voraussetzung für die Gültigkeit der Taufe ist, wird also zurückgewiesen. Daß Jesus Christus, der Heilige Geist oder die heilige Trinität im gesegneten Taufwasser wohnt und daß dieses Wasser deshalb eine heiligmachende Kraft besitzt, ist in Vergessenheit geraten.

Luther führt diese schon im katholischen Mittelalter begonnene Abkehr zu einem konsequenten Ende. In einer Pfingstpredigt des Jahres 1539 erklärt er:

Siehe die Taufe, daß sie Wasser ist, woher ist die Heiligung und Kraft? Vom Papste? Nein, sondern von Gott, der da sagt Marc. 16,16.: „Wer da glaubet und getauft wird.“ Denn der Papst setzt das Vertrauen aufs geweihte Wasser. Woher, Papst, wer hat euch die Macht gegeben? Ecclesia: Die Kirche! Ja, wahrlich, wo ists geschrieben? Im Rauchloch! Derwegen ist das geweihte Wasser das Kobelbad des Satans, der die Leute lähmt, blendet und weiht außer dem Wort; aber in der Kirche soll man nichts lehren und predigen außer und ohne Gottes Wort.
(Walch212,1415)

In dem Wort „Kobelbad“ steckt das Wort „Kobold“. Luther nennt hier also die Taufe mit gesegnetem Taufwasser ein „Gespensterbad des Satans“. Man kann traurig werden, wenn man diese polemischen Worte liest. Luther gibt vor, mit seiner Ablehnung des geweihten Taufwassers eine Menschenlehre abzulehnen und sich stattdessen an Gottes Wort zu halten. Wenn er jedoch konsequent alles abgelehnt hätte, was nicht direkt und eindeutig aus der Bibel begründet werden kann, hätte er überhaupt keinen sicheren Taufritus mehr gehabt. Wenn er aber Hes 36,25 / Hebr 10,22 und Joh 3,5 aufmerksam und verständnisvoll gelesen hätte, hätte er zugeben müssen, daß die Bibel in Hinblick auf die Taufe manche Frage ganz offen läßt, daß aber die Taufwasserweihe zumindest andeutungsweise bezeugt wird.

Luthers Verdienste um das Evangelium sollen hier nicht bestritten werden, aber in der Frage der Taufwasserweihe hat er eigene Menschenlehre über die Bibel gestellt. Er hat das geweihte Taufwasser, in dem nach übereinstimmender Aussage einer Reihe alter, rechtgläubiger Kirchenväter die heilige Majestät Gottes wohnt, als ein „Kobelbad des Satans“ verunglimpft. In diesem Punkt werde ich ihm und der üblichen Praxis der evangelischen Kirche nicht mehr folgen.

Seit einigen Jahren weihe ich vor jeder Taufe das Wasser. Dabei habe ich mit Überraschung festgestellt, daß die volkskirchliche Gemeinde diese Weihe mit Aufmerksamkeit und Anteilnahme begleitet. Öfters habe ich erlebt, daß eine kirchenferne und zunächst unruhige Gemeinde vom Zeitpunkt der Wasserweihe an ruhig wurde und teilnehmend mitging. Das ist zwar kein theologisches Argument, aber doch eine seelsorgerlich interessante Erfahrung. Und daß Jesus auch seelsorgerliche Aspekte bei der Einsetzung der Sakramente berücksichtigt hat, halte ich für selbstverständlich.

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Wenn es aber stimmt, daß die Taufwasserweihe von Jesus eingesetzt ist, wie ist dann die Taufe ohne geweihtes Wasser zu beurteilen? Nach dem einhelligen Urteil der heutigen Kirchen ist eine Taufe auch ohne geweihtes Wasser gültig. So heißt es beispielsweise im Codex Iuris Canonici von 1983:

Das bei der Spendung der Taufe zu verwendende Wasser muß außer im Notfall gemäß den Vorschriften der liturgischen Bücher gesegnet sein.
(Can. 853)

Wenn eine im Notfall ohne geweihtes Wasser vollzogene Taufe gültig ist, ist prinzipiell jede Taufe gültig, bei der die Segnung des Wasser gefehlt hat, wenn nur der übrige Vollzug korrekt war.

Es steht aber zu befürchten, daß auf einer Taufe, die zwar „gültig“ ist, aber doch nicht in jeder Hinsicht dem Willen Jesu entspricht, nicht der ganze Segen ruht. Auch die Kommunion unter nur einer Gestalt, wie sie in der katholischen Kirche üblich ist, ist zweifellos „gültig“, es kann aber auf ihr nicht der volle Segen ruhen, weil damit fortwährend der Befehl Christi: „Trinket alle daraus!“ verletzt wird.

Natürlich können wir hoffen, daß Gott es den vielen evangelischen Christen nicht zum Nachteil gereichen läßt, daß sie ohne eigene Schuld eine Taufe mit ungesegnetem Wasser erhalten haben. Der hochkirchlichen Bewegung innerhalb der evangelischen Kirche ist jedoch die Aufgabe gestellt, auf die Bibelstellen      Hes 36,25 / Hebr 10,22 und Joh 3,5 hinzuweisen und die Taufwasserweihe in das Bewußtsein der evangelischen Theologie zu heben. Die evangelischen Theologen mögen sich dann entscheiden, wie sie wollen. Wir werden alle vor dem Richterstuhl Jesu Christi Rechenschaft ablegen müssen.

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In diesem Zusammenhang möchte ich auch auf ein für den Vollzug aller Sakramente wichtiges Vorbild der Mosegeschichte hinweisen. Als das Volk Israel in Raphidim kein Wasser hatte, hat Gott Mose die folgende Anweisung gegeben:

Tritt hin vor das Volk und nimm einige von den Ältesten Israels mit dir und nimm deinen Stab in deine Hand, mit dem du den Nil schlugst, und geh hin. Siehe, ich will dort vor dir stehen auf dem Fels am Horeb. Da sollst du an den Fels schlagen, so wird Wasser herauslaufen, daß das Volk trinke.
(2.Mose 17,5+6)

Was Gott befiehlt, tut Mose, und das Volk bekommt ausreichend zu trinken. Eine ähnliche Situation wiederholt sich später noch einmal in Kadesch. Diesmal geht die Geschichte schlecht für Mose aus:

Und der HERR redete mit Mose und sprach: Nimm den Stab und versammle die Gemeinde, du und dein Bruder Aaron, und redet zu dem Felsen vor ihren Augen; der wird sein Wasser geben. So sollst du ihnen Wasser aus dem Felsen hervorbringen und die Gemeinde tränken und ihr Vieh. Da nahm Mose den Stab, der vor dem HERRN lag, wie er ihm geboten hatte. Und Mose und Aaron versammelten die Gemeinde vor dem Felsen, und er sprach zu ihnen: Höret, ihr Ungehorsamen, werden wir euch wohl Wasser hervorbringen können aus diesem Felsen? Und Mose erhob seine Hand und schlug den Felsen mit dem Stab zweimal. Da kam viel Wasser heraus, so daß die Gemeinde trinken konnte und ihr Vieh. Der HERR aber sprach zu Mose und Aaron: Weil ihr nicht an mich geglaubt habt und mich nicht geheiligt habt vor den Kindern Israel, darum sollt ihr diese Gemeinde nicht ins Land bringen, das ich ihnen geben werde.
(4.Mose 20,7-12)

Zunächst wird man diese Geschichte wohl so zu verstehen haben, daß Gott dem Mose einen besonderen Segensspruch aufgetragen hat, mit dem er „im Namen des HERRN“ Wasser aus dem Felsen herausschlagen konnte. Dies dürfte mit den Worten gemeint sein: „Redet zu dem Felsen“. (Der genaue Wortlaut wird vermutlich deshalb nicht mitgeteilt, damit niemand in die Versuchung kommt, mit diesem Spruch später irgendeine Art von Magie zu betreiben.) Wahrscheinlich ist auch schon in der ersten Begebenheit bei Raphidim ein solcher Segensspruch von Gott angeordnet worden, ohne daß uns das in der Bibel mitgeteilt wird.

Nun  hat  Mose  von  diesem  ihm  anvertrauten  Segensspruch  offenbar  keinen Gebrauch gemacht. Statt mit dem Segensvotum Gott die Ehre zu geben, hat er das Augenmerk der versammelten Gemeinde auf sich und seinen Bruder Aaron gelenkt: „Werden wir euch wohl Wasser hervorbringen können aus diesem Felsen?“ Er hat dann obendrein zweimal auf den Felsen geschlagen. Er hat also den menschlichen Anteil an der ihm aufgetragenen Handlung verstärkt und das göttliche Element vernachlässigt.

Über diese eigenwillige Abänderung des Auftrages ist Gott so erzürnt, daß er weder Mose noch Aaron in das gelobte Land kommen läßt. Die Strafe richtet sich in diesem Fall allerdings nur gegen die ungehorsamen Amtsträger. Das Volk wird durch Gottes Gnade dennoch mit ausreichendem Wasser versorgt.

Der Apostel Paulus hat dieser Geschichte eine sakramentstheologische Deutung gegeben (1.Kor 10,1-22). Das berechtigt auch uns, aus dieser Geschichte Schlüsse für die Sakramentstheologie zu ziehen. Ich ziehe daraus den folgenden Schluß: Es kann sein, daß ein eigenmächtig abgeändertes Sakrament durch Gottes Güte immer noch „gültig“ ist, daß es zumindest der Gemeinde immer noch die große Gnade Gottes vermittelt, daß aber der Amtsträger die Strafe für den Ungehorsam tragen muß. So vermittelt ein eigenmächtig abgewandeltes Abendmahl, bei dem die Gemeinde Saft statt Wein bekommt, vielleicht immer noch die Vergebung der Sünden, aber die dafür Verantwortlichen werden wohl nicht ungestraft bleiben. Auch eine Kommunion unter nur einer Gestalt vermittelt vermutlich die ganze Gnade Gottes, aber die dafür Verantwortlichen werden sich dafür zu rechtfertigen haben.

Ebenso verhält es sich wahrscheinlich mit der „Gültigkeit“ einer Taufe ohne geweihtes Wasser. Durch die Güte Gottes wird eine Mensch auch durch diese Taufe zu seinem Kind angenommen und mit vielerlei Gaben beschenkt. Es wird für die evangelischen Christen also keinen Mangel bedeuten, wenn sie ohne geweihtes Wasser getauft worden sind.

Es ist aber die Frage, ob es für die evangelischen Pfarrer gut ist, wenn sie solche Taufen vollziehen, ohne durch die Praxis anderer Konfessionen nachdenklich zu werden und ohne sich durch die übereinstimmenden Aussagen der alten Kirche anregen zu lassen, über bestimmte Bibelstellen nachzudenken, und ohne auch nur die Möglichkeit in Erwägung zu ziehen, daß die Taufwasserweihe vielleicht doch von Jesus Christus eingesetzt worden ist. Gesetzt also den Fall, die Frage der Taufwasserweihe kommt tatsächlich beim Jüngsten Gericht zur Sprache, wird es dann ausreichen, wenn wir uns auf Luther und den Kleinen Katechismus berufen? Ich jedenfalls habe mich - zumindest aus Vorsicht - entschlossen, keine Taufe mehr ohne geweihtes Wasser zu vollziehen. (Ein kurzes Weiheformular, das ich in Anlehnung an das römische Formular singe und spreche, findet sich am Schluß dieses Aufsatzes.)

*

In diesem Zusammenhang ist allerdings auch die Vollmachtsfrage zu bedenken. Dem katholischen Priester ist die Segens- und Weihevollmacht ausdrücklich bei seiner Priesterweihe mitgegeben. Im vorkonziliaren Pontifikale hieß es besonders deutlich:

Der Priester muß nämlich darbringen, weihen, vorstehen, predigen und taufen.

In diesem Sinn wird dann das priesterliche Charisma für ihn erbeten:

Allmächtiger Vater, wir bitten Dich: Gib diesem Deinem Diener die
Würde des Priestertums ...

Und ganz besonders klar heißt es dann bei der Salbung der Hände:

Weihen und heiligen mögest Du, o Herr, diese Hände durch diese Salbung und unsere + Segnung, damit alles was sie segnen werden, gesegnet sei, und was sie weihen werden, geweiht und geheiligt sei im Namen unseres Herrn Jesu Christi.

 

Solche Worte und überhaupt diese ganze Sicht der Dinge fehlen in unseren evangelischen Ordinationsformularen. Wird bei der evangelischen Ordination die notwendige Segensvollmacht auch ohne solche Gebete vermittelt? Oder braucht der evangelische Pfarrer keine besondere Segensvollmacht, weil ihm schon mit der Taufe alle erreichbaren Vollmachten erteilt worden sind? Wer beginnt, an dieser Stelle nachzudenken, gerät schnell an theologische Abgründe. Über alle Ordinations- und Segenszweifel hilft uns jedoch eine zusätzliche Priesterweihe - unter Umständen „sub conditione“ - hinweg. Ich selber bin diesen Weg gegangen und empfehle ihn gerne weiter. Vor jeder Taufe vollziehe ich mit großer Freude, im Bewußtsein meiner Vollmacht und ohne irgendeinen Zweifel die Taufwasserweihe.

 

Der Exorzismus über dem Taufwasser und das Eingießen heiliger Öle

Auch Wasser hat seine Geschichte. Wieviel erschlagene Menschen werden in einem Krieg oder durch Verbrechen in die Flüsse geworfen? Kann ein Christ in einem solchen Fluß getauft werden? Vielleicht ist in der Quelle, mit deren Wasser christliche Taufen vorgenommen werden sollen, schon eine heidnische Götzenfigur kultisch gereinigt worden10. Ist damit das Wasser möglicherweise okkult belastet? Auch wenn die Taufe in einem kirchlichen Baptisterium stattfindet, kommt das Wasser vielleicht aus einem Fluß oder einer allgemein zugänglichen Quelle. Ist es da nicht sinnvoll, vor der Wasserweihe erst einmal einen potentiellen Exorzismus zu sprechen? Es kann uns also nicht wundern, wenn uns in der alten Kirche im Zusammenhang mit der Taufwasserweihe auch ein Exorzismus über dem Wasser begegnet.

Für den modernen Menschen ist der Exorzismus über dem Taufwasser allerdings schwer zu verstehen - viel schwerer als die Weihe des Wassers. Wir dürfen ja - Gott sei Dank! - bei dem Wasser, das aus unseren Wasserhähnen kommt, das Gefühl haben, daß es absolut sauber ist - höchstens ein wenig chemisch belastet, aber keineswegs okkult. Wozu dann ein Exorzismus? Es ist zudem fraglich, ob der Exorzismus immer schon unlösbar mit der Taufwasserweihe verbunden war. Vielleicht hat es hier tatsächlich eine Entwicklung gegeben.

Jedenfalls hat die katholische Kirche den Exorzismus über dem Taufwasser bei der großen, nachkonziliaren Liturgiereform abgeschafft. Auch ich vollziehe hier keinen Exorzismus. Wenn jemand beabsichtigt, auch diesen altkirchlichen Brauch wieder zu beleben, so empfiehlt es sich - zumindest vorläufig -, das Wasser zu exorzisieren, bevor die volkskirchliche Gemeinde erscheint, damit nicht aus dem Unverständnis der Gemeinde ein unnötiges Ärgernis entsteht.

Es ist allerdings denkbar, daß ein Exorzismus über dem Taufwasser in Zukunft wieder sinnvoll werden kann. Wenn beispielsweise der Antichrist auf die Idee  kommen sollte, den Befehl zu erlassen, dem städtischen Leitungswasser seien an jedem Morgen drei Tropfen Wasser zuzusetzen, in dem der Blütenstaub von sieben fernöstlichen Blüten enthalten ist, dann sollten sich auch die modernen Christen wieder an die Möglichkeit eines Exorzismus des Taufwassers erinnern.

*

Wenig Verständnis habe ich dagegen für die Weihe des Taufwassers durch das Dazugießen von heiligem Öl. Die Taufe ist doch eine Waschung. Dafür ist reines Wasser ohne Öl eigentlich besser geeignet als Wasser mit Öl. Verletzt das Hinzugießen von Öl nicht die Symbolik der Taufe?

Eine ziemlich ausführliche Schilderung dieser Art von Wasserweihe finden wir im pseudepigraphischen Werk des Dionysius Areopagita, das etwa um das Jahr 530 entstanden sein mag:

(Der Bischof) heiligt das Wasser des Taufbeckens mit heiligen Anrufungen, weiht es durch dreimaliges Aufgießen des allerheiligsten Öles in Kreuzesform und singt dabei in entsprechender Zahl zu den hochheiligen Aufgüssen des Myron das heilige Lied, das der Inspiration der gottergriffenen Propheten entsprungen ist.
(Kirchl. Hierarchie II,7)

Ich vermute, daß diese Art von Wasserweihe erst in einer Zeit entstanden ist, in der man in dem stehenden Wasser eines Baptisteriums taufte. Demgegenüber scheint die älteste Kirche fließende Gewässer bevorzugt zu haben. In der Didache heißt es:

Was die Taufe angeht, tauft folgendermaßen: ... tauft auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes in lebendigem Wasser. Wenn du aber kein lebendiges Wasser hast, taufe in anderem Wasser ...
(Did 7,1+2)

Mit „lebendigem“ Wasser ist offenbar fließendes Wasser gemeint. Stehendes Wasser soll nach dieser frühchristlichen Schrift nur im Notfall zur Taufe verwandt werden. Die gleiche Aussage finden wir auch bei Hippolyt:

Zur Zeit des Hahnenschreis soll man zunächst über dem Wasser beten. Es soll Wasser sein, das aus einer Quelle fließt oder von oben herabfließt. So soll man es halten, wenn die Verhältnisse es nicht anders erzwingen. In einer andauernden und bedrückenden Zwangslage kann man sich jedoch des Wassers bedienen, das man gerade vorfindet.
(TA 21)

Tertullian hält zwar jedes Wasser für geeignet, geht aber davon aus, daß zumindest Petrus die Römer im Tiber getauft hat:

... daher verschlägt es nichts, ob jemand im Meer oder in einem Sumpf, in einem Fluß oder in einer Quelle, in einem See oder in einem Wasserbecken abgewaschen wird, und es ist kein Unterschied zwischen denen, welche Johannes im Jordan, und denen, welche Petrus im Tiber getauft hat.
(Über die Taufe 4)

Zumindest soviel dürfte klar sein: Die älteste Kirche hat zur Taufe das fließende Wasser eines Flusses oder einer Quelle bevorzugt. Nun ist aber schon die Vorstellung, ein fließendes Gewässer sei an der Stelle geweiht, wo die Taufe stattfinden soll, schwierig. Das geweihte Wasser ist ja gleich nach der Konsekration weggeflossen! Es ist also nötig, hier grundsätzlich und abstrakt zu denken: Der Heilige Geist ist allmächtig; er kann also auch in einem fließenden Gewässer eine feste Stelle weihen. Beim Eingießen von geweihtem Öl in ein fließendes Gewässer ist eine abstrakte Sicht der Weihe jedoch kaum möglich. Es ist zu offenkundig, daß das heilige Öl schon beim Eingießen in das Wasser sichtbar wegfließt. Und wenn das Öl auch noch in Kreuzesform eingegossen werden soll und dieses Kreuz sofort vom fließenden Wasser verzerrt wird, ist die sichtbare Symbolik der liturgischen Handlung doch ziemlich gestört.

Es erscheint mir also unvorstellbar, daß die alte Kirche fließende Gewässer durch eingegossenes Öl geweiht oder daß Jesus eine solche Wasserweihe im Sinn gehabt haben könnte. Ich möchte daher annehmen, daß die Wasserweihe durch Eingießen geweihten Öls nicht ursprünglich ist. Sie dürfte erst aufgekommen sein, als man die Täuflinge im stehenden Wasser der Baptisterien taufte.

Eduard Stommel glaubt, daß die Öleingießung zunächst ein orientalischer Brauch war, der Rom erst im 11. oder 12. Jahrhundert auf dem Umweg über Gallien erreicht hat11. Seit dieser Zeit war die Öleingießung allerdings ein fester Bestandteil der römischen Taufwasserweihe. Bis zur kürzlich erfolgten Liturgiereform war es eine feste Vorschrift der katholischen Kirche, daß sowohl Katechumenenöl als auch Chrisam in das Taufwasser gegossen werden mußten. Der „Römische Katechismus nach dem Beschluß des Konzils von Trient“ erklärt sogar:

Vor allem muß das Wasser zubereitet werden, welches zur Taufe gebraucht werden muß. Denn das Taufwasser wird geweiht, indem das Öl der geheimnisvollen Salbung beigemischt wird.
(Kat. Rom. 2,2,61)

Im Gefolge der Liturgiereform nach dem 2. Vaticanum hat die katholische Kirche auch die Beimischung von geweihtem Öl wieder abgeschafft. In der orthodoxen Kirche ist sie jedoch bis heute noch üblich.

 

Weihepräfation

 Ja, wahrlich, es ist würdig und recht / Dir, Herr, heiliger, allmächtiger, ewiger Gott / zu allen Zeiten und auch in dieser Stunde zu danken. // O Gott, dessen Geist bei der Schöpfung der Welt schwebte über den Wassern / der Du den Frevel der sündigen Welt durch die Wasser der Sintflut getilgt / und durch die Taufe Deines lieben Sohnes / das Element des Wassers geheiligt hast: // Sende auch jetzt herab Deinen Heiligen Geist / laß dieses Wasser werden zur Flut der Reinigung, der Vergebung und Heiligung / zum Bad der neuen Geburt und zum Quell des ewigen Lebens.

 

Segnung des Wassers

Dieses Wasser sei gesegnet durch den lebendigen  +  Gott,
durch den wahren   Gott,
durch den heiligen  + Gott.

 

Gebet

Herr, Dreieiniger Gott! Schau gnädig hernieder auf Deine Kirche und mehre in ihr die Zahl Deiner wiedergeborenen Kinder. Laß den Dienst an Deinem heiligen Geheimnis uns nicht zum Gericht werden, sondern Dein herrlicher Name, o Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist, werde geheiligt und gepriesen jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit.  Amen.

 

Literatur:

A. Adam / R. Berger „Pastoralliturgisches Handlexikon“ (Freiburg 1981).

S. Benz „Die theologische Bedeutung der Taufwasserweihe in der Tradition der Kirche“
              in: Th. Bogler (Hrsg.) „Leben aus der Taufe“ [„Liturgie und Mönchtum“ 33/34 (Maria Laach 1963/64), Seite 124-132].

E. Stommel: „Studien zur Epiklese der römischen Taufwasserweihe“ (Bonn 1950).

H. Scheidt „Die Taufwasserweihegebete“ (Münster 1935).

 

 

Anmerkungen

1.) Vgl Scheidt.

2.) Seite 126f.

3.) „Das Leben des heiligen Johannes Chrysostomos“ herausgegeben und übersetzt von L. Schläpfer (Düsseldorf 1966), Seite 65.

4.) Katechetische Homilien 14,8. Theodor von Mopsuestia war zu seinen Lebzeiten eine anerkannte Autorität. Erst in späteren Zeiten hat man ihm gewisse, noch nicht ganz ausgereifte Äußerungen zur Christologie zum Vorwurf gemacht und ihn vor allem deswegen verketzert, weil sich die Nestorianer auf ihn beriefen. Dagegen sind seine Äußerungen zu den Sakramenten nicht beanstandet worden. Seine Aussagen zur Taufwasserweihe fügen sich nahtlos in den allgemeinen Konsens.

5.) De sacramentis 1,18. Die Echtheit von „De sacramentis“ wurde eine Zeitlang bestritten, sie ist heute aber wieder anerkannt.

6.) Ich übergehe die allererste Äußerung des Gnostikers Theodot, wie sie bei Clemens von Alexandrien in seinen „Excerpta ex Theodoto“ 82 (Vgl Scheidt, Seite 8) überliefert ist. Sie spiegelt sicher nur eine allgemeine kirchliche Gewohnheit wieder, über die wir uns aber nicht durch einen Gnostiker belehren lassen wollen.

7.) O. Michel „Der Brief an die Hebräer“ (Göttingen 111960), Seite 231.

8.) A. a. O.

9.) Summa Theologica 60,3, zur 5. Frage.

10.) Vgl Tertullian „Über die Taufe“ 5.

11.) Seite 30-33, vgl auch Seite 19.

 

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