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9.

Die Weihe der liturgischen Gewänder

 

Vor Jahren hat der hochkirchliche Bischof Schneidewind auf meine Bitte hin mein Abendmahlsgeschirr geweiht. Er gab mir nach der Weihe den Kelch und die Patene mit der Bemerkung zurück, meine liturgischen Gewänder könne ich selber weihen.

Da er mir jedoch keine Anleitung dafür gab und da ich auch niemanden kannte, der sich seine liturgischen Gewänder selber geweiht hatte, oder der eine solche Weihe überhaupt für nötig hielt, habe ich auf diese kurze Bemerkung hin nichts unternommen. Ich war überdies skeptisch, ob die Weihe der Gewänder nicht vielleicht eine Erfindung der katholischen Kirche ist, die ja offensichtlich zu einem Weiheübereifer neigt und auch heute noch Kerzen, Fahnen, Bibliotheken und Kaufhäuser segnet. Ich habe mich also weder kundig gemacht, wie eine solche Weihe zu vollziehen ist, noch habe ich versucht, die Frage nach der Erlaubtheit und dem theologischen Sinn der Gewänderweihe irgendwie zu klären.

Ich bin dann allerdings nach einiger Zeit auf eine Reihe von Bibelstellen gestoßen, in denen nicht nur von den „heiligen“ Gewändern der alttestamentlichen Priester die Rede ist, sondern auch davon, daß Gott die Weihe der priesterlichen Gewänder ausdrücklich angeordnet hat. Vielleicht war es ja doch die Bemerkung jenes Bischofs, daß ich diese Stellen später bewußt gelesen und über die Frage einer Weihe der liturgischen Gewänder immer wieder einmal nachgedacht habe. Dieses Nachdenken hat schließlich dazu geführt, daß ich meine liturgischen Gewänder dann doch, nach zwanzig Jahren, tatsächlich geweiht habe. Ich möchte das im Folgenden begründen.

*

Im Gesetz des Mose ist erstaunlich oft von den „heiligen Kleidern“ der Priester die Rede, insgesamt zehnmal: 2.Mose 28,2+4 / 29,29 / 31,10 / 35,21 / 39,1 / 40,13/ 3.Mose 16,4+32 / 21,10. Schon allein die Bezeichnung „heilige Kleider“ zeigt ja, daß die Kleider irgendwie geheiligt worden sind, daß sie also geweiht gewesen sein müssen. Das wird dann auch an anderen Stellen unmißverständlich bestätigt. So befiehlt Gott Mose im Zusammenhang mit dem ersten großen Opfer und Weihegottesdienst:

Und du sollst von dem Blut auf dem Altar nehmen und Salböl und sollst Aaron und seine Kleider, seine Söhne und ihre Kleider damit besprengen. So werden er und seine Kleider, seine Söhne und ihre Kleider geweiht.
(2.Mose 29,21)

An anderer Stelle wird dann der gehorsame Vollzug des göttlichen Befehls durch Mose geschildert:

Und Mose nahm von dem Salböl und dem Blut auf dem Altar und sprengte es auf Aaron und seine Kleider, auf seine Söhne und ihre Kleider; so weihte er Aaron und seine Kleider, seine Söhne und ihre Kleider.
(3.Mose 8,30)

So viel ist jedenfalls klar: Nach der Bibel können liturgische Gewänder geweiht werden; und im alten Bund war die Weihe sogar geboten. Wie steht es aber mit der Weihe der Gewänder im neuen Bund? War die Kleiderweihe des alten Bundes vielleicht eine Konzession Gottes an einen allzu menschlichen Ritualismus, und wird der rein äußerliche Ritualismus einer Kleiderweihe demgemäß vom neuen Bund abgelehnt? War diese alttestamentliche Anordnung also - wie heute allgemein angenommen wird - mit dem ganzen übrigen Kultgesetz des Mosebundes hinfällig und bedeutungslos geworden? Oder war sie vom Standpunkt des neuen Bundes vielleicht sogar verboten, ähnlich wie das bei der Beschneidung der Fall war?

Eine Antwort auf diese Fragen ist nicht leicht zu finden. Einen wichtigen Hinweis gibt uns jedoch Jesus selber, der in der Bergpredigt gesagt hat:

Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. Denn ich sage euch wahrlich: Bis daß Himmel und Erde vergehe, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis daß es alles geschehe. Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und lehrt die Leute so, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich, wer es aber tut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich.
(Mt 5,17-19)

Zum rechten Verständnis dieser Verse muß man zunächst verstehen, daß hier zwei verschiedene Dinge argumentativ miteinander verknüpft sind, die in gewißer Weise wenig miteinander zu tun haben. Es geht einmal um die fortdauernde Verbindlichkeit der alttestamentlichen Gebote und zum anderen um die weiterhin zu erwartende Erfüllung aller alttestamentlichen Prophezeiungen. In beiden Punkten geht es um die bleibende Gültigkeit auch des kleinsten Tüpfelchens des alttestamentlichen Gotteswortes. So wie ein Christ nicht glauben darf, daß mit dem Kommen Jesu irgend eine alttestamentliche Prophetie hinfällig geworden sei, so soll er auch nicht glauben, daß mit dem Kommen Jesu irgend ein göttliches Gebot gegenstandslos geworden ist.

Offenbar hatten gerade dies einige Jünger erwogen. Hatte nicht Jesus selber mehrfach den Sabbat gebrochen oder jedenfalls einen Sabbatbruch veranlaßt? Hatte er nicht entgegen dem mosaischen Gesetz alle Speisen für rein erklärt? Hatte er nicht durch einen erstaunlichen Einspruch die von Mose gebotene Steinigung der Ehebrecherin unmöglich gemacht? Sind also die alttestamentlichen Gesetze zumindest teilweise aufgehoben?

Auf solche Erwägungen antwortet Jesus mit einem entschiedenen Nein: Ich bin nicht gekommen, auch nur das kleinste Gebot aufzulösen. Im Gegenteil: Alle diese Gebote werden erst durch mich recht „erfüllt“.

Nun kommt es allerdings darauf an, was unter dieser „Erfüllung“ zu verstehen ist. Gemeint ist offenbar eine Sinnerfüllung, die besser und vollkommener ist, als dies aus dem bisherigen Gesetz des Mose ersichtlich war. Jesus gibt selbst einige Beispiele, wie diese neue Sinnerfüllung zu verstehen ist. Das Gebot: „Du sollst nicht töten“, meint eigentlich: Ihr sollt nicht einmal zürnen, ihr sollt auch keine Schimpfworte gebrauchen. Drohte das Gesetz des Mose mit der Todesstrafe, so droht dem Menschen nach dem vertieften Verständnis Jesu schon bei harten Schimpfworten die Hölle. Ähnlich äußert sich Jesus auch im Zusammenhang mit dem Ehebrechen, mit der Scheidung, mit dem Schwören und der Feindesliebe.

Die „Erfüllung“ des alttestamentlichen Gesetzes durch Jesus besteht demnach in einer Transformation wie auch in einer Radikalisierung. Indem Jesus schon das Schimpfwort und den bösen Gedanken verbietet, wird das 5. Gebot einerseits verschärft, andererseits juristisch unpraktikabel - kein irdisches Gericht kann böse Gedanken beweisen und bestrafen. Das alttestamentliche Tötungsverbot wird also durch Jesus überführt in einen radikalethischen Grundsatz.

Die gleiche Radikalisierung und Transformation der alten Gebote kann man auch außerhalb der Bergpredigt immer wieder feststellen. Nehmen wir beispielsweise das alttestamentliche Sabbatgebot. Wie Jesus sich die Erfüllung dieses Gebotes vorgestellt hat, ist zwar aus den Evangelien nicht klar zu erkennen; wenn man aber die Praxis der Urkirche, wie sie sich schon im Neuen Testament deutlich zeigt, und die Praxis der alten Kirche als mit dem Willen Jesu übereinstimmend betrachtet, so hat Jesus auch das Sabbatgebot in verschiedener Weise radikalisiert und verändert. Geändert ist der Wochentag - der christliche Feiertag ist auf den Sonntag geschoben. Geändert ist auch das äußere Erscheinungsbild des Feiertages. Es geht nun in erster Linie nicht mehr um das Nichtarbeiten, sondern um die wöchentliche Feier des Gottesdienstes. Aber auch eine Verschärfung ist deutlich erkennbar: Stand auf dem alttestamentlichen Sabbatbruch nur die leibliche Todesstrafe, so droht nach dem Hebräerbriefbeim Wegbleiben vom Abendmahlsgottesdienst das ewige Feuer.

Die gleiche Transformation und Verschärfung ist ja auch beim Beschneidungsgebot erkennbar. Geändert ist der ganze Ritus: Der Körper wird nicht mehr beschnitten, sondern getauft. Es werden nicht mehr nur die männlichen Mitglieder des Bundesvolkes beschnitten, sondern in gleicher Weise Männer und Frauen getauft. Wird der israelitische Mann durch die Beschneidung einfach nur dem Bundesvolk eingegliedert, so vermittelt die Taufe mehr: Vergebung der Sünden und Gotteskindschaft. Daß die Taufe in diesem Sinn als Fortschreibung oder Erfüllung des alttestamentlichen Beschneidungsgebotes zu verstehen ist, ergibt sich beispielsweise klar aus dem Kolosserbrief:

In ihm (= Jesus Christus) seid ihr ... beschnitten mit einer Beschneidung, die nicht mit Händen gemacht ist, als ihr nämlich euren fleischlichen Leib ablegtet bei der Beschneidung durch Christus. Mit ihm wurdet ihr begraben durch die Taufe, und mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben, den Gott wirkt, welcher ihn auferweckt hat von den Toten. Und er hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot waret in den Sünden und in eurem unbeschnittenen Fleisch, und hat uns vergeben alle Sünden.
(Kol 2,11-13)

Leider ist das Neue Testament in den meisten kultischen Fragen unergiebig. Man kann die Anordnungen Jesu zu manchen kultischen Fragen allerdings aus der Praxis der neutestamentlichen Urgemeinde erschließen, wenn man voraussetzt, daß die Apostel und die Urgemeinde sich in allen diesen Fragen nach dem klar erkannten Willen Jesu verhalten haben.

So müssen wir voraussetzen, daß es mit dem Willen Jesu übereinstimmte, daß die Urgemeinde das Opfermahl des neuen Bundes auf hölzernen Tischaltären feierte, die dafür offenbar geweiht worden waren, wie ich das in meinem Aufsatz über die urchristlichen Altäre dargelegt habe. Die Radikalisierung in diesem Punkt zeigt sich darin, daß der Gottessohn selber das Opferlamm auf dem Altar wird. Die Transformation ergibt sich aus der Tatsache, daß es nicht mehr um tierisches Fleisch und Opferblut geht, sondern um konsekriertes Brot und konsekrierten Wein.

Ebenso ist vorauszusetzen, daß es dem Willen Jesu entsprach, wenn die Urgemeinde, oder - wo es etwas deutlicher zu Tage tritt - wenn die alte Kirche nicht die Priester wusch und salbte2, sondern jeden einzelnen Christen, indem sie ihn nämlich taufte und firmte. Auf diese Weise wurde jeder einzelne Christ sozusagen zum Priester erhoben. Dabei ist selbstverständlich die Taufe mehr, als die alttestamentliche Priesterwaschung. Es ist also auch hier eine Radikalisierung erkennbar. Und auch die bischöfliche Chrisamsalbung gab unendlich viel mehr als die Priestersalbung des alten Bundes. Andererseits wurden über die so gesalbten „allgemeinen“ Priester dann noch „Aufseher“ gesetzt, Bischöfe und Pastoren, denen die „allgemeinen Priester“ zu gehorchen hatten. Das ganze System des neuen Bundesvolkes war also sehr stark verändert und transformiert.

Wenn Clemens Romanus Recht hat, hat Jesus übrigens auch das dreigliedrige Amt des alten Bundes - Hoherpriester, Priester und Levit - im neuen Bund fortgeführt3. Für die Wahrheit dieser Behauptung spricht, daß es schon im Alten Testament eine Prophetie gibt, die vom Fortbestehen des levitischen Priestertums in der messianischen Heilszeit spricht. Ich zitiere ausführlich, damit der Zusammenhang dieser Prophezeiung mit der messianischen Heilszeit ausreichend klar erkennbar ist:

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, daß ich das gnädige Wort erfüllen will, das ich zum Hause Israel und zum Hause Juda geredet habe. In jenen Tagen und zu jener Zeit will ich dem David einen gerechten Sproß aufgehen lassen; der soll Recht und Gerechtigkeit schaffen im Lande. Zu derselben Zeit soll Juda geholfen werden und Jerusalem sicher wohnen, und man wird es nennen »Der HERR unsere Gerechtigkeit«. Denn so spricht der HERR: Es soll David niemals fehlen an einem, der auf dem Thron des Hauses Israel sitzt.
Und den levitischen Priestern soll’s niemals fehlen an einem, der täglich vor meinem Angesicht Brandopfer darbringt und Speisopfer in Rauch aufgehen läßt und Opfer schlachtet.
(Jer 33,14-18)

Wenn dieses Wort durch die Person des Messias Jesus und durch die Anordnung seines neuen Gottesdienstes erfüllt worden ist, dann ist das heilige Abendmahl - übrigens in Übereinstimmung mit einer ähnlichen Prophezeiung bei Maleachi4 - die Fortsetzung des alttestamentlichen Opfergottesdienstes und dann stehen auch die neutestamentlichen Amtsträger in einer klaren Kontinuität des alttestamentlichen Priestertums.

In die gleiche Richtung weist auch eine Jesajaprophezeiung, in der es im Zusammenhang mit der Stellung der Heiden in der zukünftigen Heilszeit heißt:

Und ich will auch aus ihnen Priester und Leviten nehmen, spricht der HERR.
(Jes 66,21)

Auch diese Prophezeiung muß ja so verstanden werden, daß sie durch das Kommen Jesu erfüllt ist und daß das Amt des neuen Bundes in erkennbarer Kontinuität zum Amt des alten Bundes steht.

Andererseits - und das ist ja ebenso klar - hat Jesus das Amt auch auf mancherlei Weise transformiert, verändert und radikalisiert. Um nur einen Punkt herauszugreifen: Zu den Aposteln hat Jesus gesagt - und das gilt ja auch ihren Nachfolgern:

Gleichwie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. ... Welchen ihr die Sünden erlasset, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.
(Joh 20,21+23)

Eine so weitgehende Vollmacht hat Gott ja keinem alttestamentlichen Hohenpriester oder Propheten anvertraut.

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Es würde zu weit führen, hier alle klar erkennbaren Beispiele für die Radikalisierung und Transformierung des mosaischen Gesetzes anzuführen und zu erläutern. Leider gibt es aber auch viele alttestamentliche Gebote, bei denen nicht klar zu erkennen ist, in welcher Richtung Jesus sie mit einem tieferen Sinn „erfüllt“ und für alle Zukunft neu bekräftigt wissen will. Hier läßt sich vieles nur erahnen. Ist der eigentliche Kern des Bilderverbotes vielleicht ein „Weltbildverbot“ - also ein Verbot, unkritisch die Urknall-Kosmologie und den Darwinismus zu übernehmen? Ist das Schweinefleischverbot im eigentlichen Kern ein Abgrenzungsgebot gegen die heidnische Umwelt, in der das Schwein zum Teil als heiliges Tier verehrt und leider auch sexuell mißbraucht wurde? Geht es heute in gleicher Weise um eine klare Abgrenzung gegen die neuheidnische Sexualisierung der Gesellschaft?

Bei aller Unsicherheit im Detail ist aber grundsätzlich festzustellen: Jesus hat die klare Aussage gemacht, daß kein Gebot des Alten Testamentes mit seinem Kommen hinfällig geworden ist. Jedes Gebot muß vielmehr mit rechtem Sinn erfüllt werden.

Was könnte diese Aussage nun aber für die Frage der Weihe der liturgischen Gewänder bedeuten? Auch hier ist es schwer, eine sichere Antwort zu finden. Aber soviel läßt sich zumindest doch sagen:

Die Frage der gottesdienstlichen Kleidung ist keine nebensächliche und neutrale Frage. Es ist also grundsätzlich nötig, über die angemessene Kleidung im Gottesdienst - vor allem im Abendmahlsgottesdienst - nachzudenken.

Und:

Gottesdienstliche Gewänder können geweiht werden.

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Wenn man es nun überhaupt für denkbar hält, daß Jesus auch die Gesetzesvorschrift des alten Bundes, wonach die priesterlichen Gewänder geweiht sein müssen, auf irgend eine Weise weiterhin für gültig gehalten hat, dann stellt sich die Frage: Gibt es im Neuen Testament Stellen, die man möglicherweise als Andeutungen für geweihte liturgische Kleidung verstehen kann? Eine solche Stelle scheint es nicht zu geben - es sei denn man will in dem kostbaren Gewand, das Jesus am Tage seines Opfertodes trug, einen versteckten Hinweis auf die nach dem Willen Jesu ebenfalls möglichst schönen und kostbaren Gewänder des neuen Opfergottesdienstes sehen. Und daran könnte man die zweite vorsichtige Vermutung knüpfen, daß Jesus doch wahrscheinlich geweihte Gewänder wichtiger als kostbare Gewänder gewesen sein dürften.

Zugegeben: Es handelt sich hier um die Kombination zweier, zum Teil gewagter Vermutungen; damit steht man auf einem sehr unsicheren Boden. Formulieren wir also vorsichtiger und zurückhaltender: Es gibt im Neuen Testament keinen klaren Hinweis und keine erkennbare Andeutung dafür, daß Jesus wollte, daß beim Gottesdienst des neuen Bundes eine besonders festliche, möglicherweise sogar geweihte Kleidung getragen werden sollte. Eine solche Fehlanzeige beweist allerdings nichts. Die biblischen Angaben selbst zur Taufe und zum Abendmahl sind so kurz und spärlich, daß man daraus nur den Schluß ziehen kann: Zu vielen rituellen Dingen wollte das Neue Testament keine Angaben machen. Hier schweigt die Bibel mit Absicht. In sakramentalen und rituellen Fragen praktiziert sie ganz offenkundig eine sehr weitgehende Arkandisziplin.

Nun stellt sich als nächstes die Frage: Gibt es denn wenigstens in der alten Kirche Andeutungen oder vielleicht sogar klare Hinweise zur Frage der liturgischen Gewänder und ihrer Weihe? Leider sind mir bis jetzt solche Andeutungen und Hinweise der alten Kirche unbekannt.

Bisher habe ich nur einen Hinweis bei Kleinheyer für die Zeit am Anfang des 7. Jahrhunderts gelesen:

Anscheinend zuerst in Spanien, u. zw. im frühen 7. Jh., überreicht der Bischof (nicht mehr der Archidiakon) nach der Weihe Stola und Dalmatik bzw. Stola und Kasel als Amtszeichen.5

 

Leider ist Kleinheyers Hinweis nicht ganz klar. Was heißt „nach der Weihe“? Ist gemeint nach dem Weihegottesdienst? Das kommt mir etwas unwahrscheinlich vor. Oder ist gemeint: Nach dem, was Kleinheyer für den eigentlichen Kern der Weihehandlung hält? Außerdem: Offenbar gibt es Nachrichten über die frühere Zeit, wo der Archidiakon das Gewand „überreichte“. Allerdings habe ich darüber noch nichts gefunden.

Bei de Puniet, der über das „ursprüngliche Zeremoniell“ einer etwas späteren Zeit - und zwar in Rom - berichtet, heißt es:

Die beiden Ordines Romani VIII und IX sind leider von außerordentlicher Nüchternheit. Nichtsdestoweniger verdankt man ihnen eine Einzelheit ... Es ist die Übergabe des nur vom Priester während der Feier des heiligen Opfers getragenen Gewandes, der planeta oder Kasel.6

 

Die erwähnten Ordines stammen nach de Puniet aus dem 9. und 11. Jahrhundert7. Im Unterschied zu Kleinheyer sieht de Puniet die Gewänderübergabe offenbar als einen besonders wichtigen Teil innerhalb der Weihehandlung an. Wenn allerdings auch de Puniet von einer Gewänderübergabe spricht, so ist doch eher zu vermuten, daß es sich dabei um eine liturgische Einkleidung handelte, nicht um die bloße Übergabe der Gewänder. Diese sollten doch sicherlich sofort im Weihegottesdienst getragen werden. So sind die Dinge ja auch schon im alten Bund gehandhabt worden (3.Mose 8,6-9).

Die Frage, die sich nun stellt, lautet: Kann es sein, daß gegen Ende des ersten Jahrtausends etwas sichtbar wird, was schon seit der Zeit der Apostel zur Ordination des Priesters und zur Feier des Gottesdienstes ununterbrochen üblich war, daß nämlich zur Ordination des Priesters und zur Feier des Gottesdienstes ein liturgisches Gewand gehörte, das dann wahrscheinlich auch immer schon geweiht war?

Oder ist es eher wahrscheinlich, daß Jesus und die Apostel ursprünglich ein schlichtes Christentum intendiert haben, bei dem sich die Ordination auf die Handauflegung und das Gebet beschränkt hat und wo man den Gottesdienst mit irgendeinem vornehmen weltlichen Gewand feierte? Und muß man also annehmen, die Kirche habe im Laufe der Zeit nach dem falsch verstandenen Vorbild des Alten Testamentes neue Riten entwickelt, die Jesus gar nicht gewollt hat? Sind die geweihten Gewänder zum Gottesdienst also eine unnötige und abzulehnende Erfindung der Kirche?

Eine sichere Antwort auf diese Fragen gibt es nicht. Wenn man aber fragt, welche Antwort wohl die wahrscheinlichere ist, dann halte ich es für eher wahrscheinlich, daß das Vorhandensein liturgischer Gewänder und ihrer Weihe schon von Jesus intendiert war. Dafür spricht einmal seine allgemeine Aussage, mit der wir uns soeben ausführlich befaßt haben, daß er keines der alttestamentlichen Gesetze aufheben wolle. Dafür spricht aber auch der erstaunlich hohe Aufwand mit den weißen Taufkleidern, der offenbar schon in apostolischer Zeit üblich war8. Und dafür spricht überhaupt, daß Jesus offenbar kein unsakrales Christentum gestiftet hat, wie heute meistens behauptet wird, sondern ganz im Gegenteil eine hochsakrale Religion mit ihren verschiedenen hochsakralen Sakramenten9.

Und es gibt noch ein Argument, nämlich die Weihegebete des alten, vorkonziliaren Pontifikale Romanum. Eins dieser Gebete heißt in deutscher Übersetzung:

Allmächtiger, ewiger Gott! Du hast Deinem Diener Mose befohlen, daß er zur Ehre und Verherrlichung Deines Namens und zur Abhaltung des göttlichen Dienstes vor Deinem Antlitz verschiedene hohepriesterliche und priesterliche und levitische Gewänder bereiten sollte. Sieh nun gnädig auf unser Flehen herab und würdige Dich, diese priesterlichen Kleider mit dem Tau Deiner Gnade und mit reichem Segen durch den Dienst unserer Niedrigkeit zu reinigen, zu heiligen und zu weihen, auf daß sie für den göttlichen Dienst und zur Spendung der heiligen Geheimnisse angemessen und gesegnet seien. Und daß alle Bischöfe und Priester oder Leviten, die mit ihnen geschmückt werden, vor allen Angriffen und Versuchungen der bösen Geister beschützt und beschirmt werden. Und verleihe ihnen, daß sie alle Deine heiligen Geheimnisse würdig und erbauend ausspenden und ihre Gnade in sich stets bewahren, und daß sie dadurch Dir in Frieden und Andacht stets ergeben bleiben. Durch Christus, unsern Herrn.  Amen.

An diesem Gebet finde ich besonders ergreifend, daß um den Schutz vor den Angriffen und Versuchungen durch die bösen Geister gebetet wird. Hier geht es ja um ein schwerwiegendes Problem. Der Diener Gottes soll in aller Demut den Gottesdienst halten, aber immer wieder hat er mit der Anfechtung der Überheblichkeit und des Stolzes zu kämpfen. Er soll das hochheilige Sakrament Männern und Frauen reichen, darf aber keine falschen Gedanken haben in Hinblick auf die vor ihm knienden Frauen. In den hochheiligsten Augenblicken des Gottesdienstes erlebt er den Ansturm des Bösen. Da ist ein so seelsorgerlich ehrliches Gebet wie dieses Gewänderweihegebet eine große Kostbarkeit. Hier geht es offensichtlich nicht um ein liturgisches Indianerspiel, das sich die Kirche auf Grund eines falschen Verständnisses des Alten Testamentes ausgedacht hat, sondern es geht um geistliche Nüchternheit und tiefe Wahrheitserkenntnis.

Die lutherische Orthodoxie hat ein „testimonium spiritus sancti interni“ postuliert, ein in der Heiligen Schrift erkennbares „inneres Zeugnis“ des Heiligen Geistes, daß die Schrift göttlich und inspiriert ist. Ich meine, in dem oben wiedergegebenen Weihegebet auch ein inneres Zeugnis erkennen zu können, daß dieses Gebet vom Heiligen Geist inspiriert sein muß. Wenn das stimmen sollte, so ergibt sich, daß eine Weihe der liturgischen Gewänder zu allen Zeiten sinnvoll und hilfreich ist. Und sollte der Heilige Geist diese Hilfe erst nach langen Jahrhunderten der Kirchengeschichte angeboten haben? Sollte nicht schon Jesus um die menschliche Schwäche des kirchlichen Amtes gewußt haben?

Man kann es nicht beweisen, aber mir erscheint es doch sehr wahrscheinlich, daß die gottesdienstlichen Gewänder auch des neuen Bundes schon von Jesus an geweiht gewesen sein dürften. Diese Weihe war vielleicht keine zwingende gesetzliche Vorschrift, wohl aber eine Hilfe, die kein frommer Amtsträger ohne Not ausgeschlagen haben wird - geht es doch auch hier um größere Güter und damit auch gefährlichere Anfechtungen als im alten Bund.

*

Nun sieht das Pontifikale allerdings auch vor, daß die Gewänder bei der Weihe mit Weihwasser besprengt werden. Was ist vom Weihwasser zu halten?

Man kann manchmal die Vermutung hören, der Gebrauch von Weihwasser habe sich wohl aus dem geweihten Taufwasser ergeben. Indem nämlich das geweihte Taufwasser auch zu anderen Zwecken als zur Taufe benutzt worden sei, habe sich aus dem Taufwasser ein Weihwasser entwickelt. Diese Vermutung ist offensichtlich falsch. Der Gebrauch von Weihwasser geht nämlich schon auf das Gesetz des Mose zurück. Man muß die entsprechende Stelle allerdings mit Verstand lesen. So heißt es dort in der Anordnung, wie die Leviten zu weihen sind:

Und der HERR redete mit Mose und sprach: Nimm aus den Kindern Israel die Leviten und reinige sie. So sollst du aber mit ihnen tun, wenn du sie reinigst: Du sollst Wasser zur Entsündigung auf sie sprengen, und sie sollen alle ihre Haare ganz abscheren und ihre Kleider waschen und sich so reinigen ...
(4.Mose 8,5-7)

Es folgen noch weitere Riten zur Weihe der Leviten, die in unserem Zusammenhang unerheblich sind. Wichtig ist jedoch, daß die verschiedenen Weiheriten mit einer Besprengung mit „Wasser zur Entsündigung“ eröffnet werden. Eine Besprengung ist - wohlgemerkt! - keine Waschung. Bei einer Waschung fließt viel Wasser, und bei einer liturgischen Waschung wird durch das abfließende Wasser das Abwaschen der Sünden zum Ausdruck gebracht. Eine Besprengung erfolgt dagegen mit wenig Wasser. Das Wasser wird „appliziert“. Seine Wirkung beruht auf dem unmittelbaren Kontakt, nicht auf dem Abwaschen von Unreinheit.

Nun erhebt sich die Frage, mit was für Wasser die zu weihenden Leviten wohl besprengt worden sind. Nach dem gesamten Kontext des mosaischen Gesetzes, wo eigentlich alles geweiht werden mußte, was zum liturgischen Gebrauch diente, von der ewigen Lampe bis zum heiligen Öl10, ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu vermuten, daß auch das Reinigungswasser, das bei der Levitenweihe Verwendung fand, geweiht gewesen sein mußte, und zwar in dem Sinn, daß es durch Berührung reinigen konnte.

Es mußte also auf ähnliche Weise geheiligt sein, wie es im alten katholischen Weihwassergebet heißt:

Gott, Du hast zum Heil des menschlichen Geschlechtes die größten, geheimnisvollen Kräfte in das Wasser hineingelegt;  nimm darum gnädig unsere Bitten an und gieße diesem Element, das Du zu vielfachen Reinigungen geschaffen hast, Deinen kräftigen Segen ein! Gib dem von Dir geschaffenen Wasser durch Deine göttliche Gnade die Macht, auf Deine geheimnisvolle Weise die Dämonen zu vertreiben ...

Erstaunlicherweise ist in diesem katholischen Gebet dann auch die Rede davon, daß dieses Wasser zur Heilung der Kranken helfen möge. Danach steht das katholische Weihwasser in einer gewissen Parallelität zum Krankenöl. Dabei haben wir es offenbar mit einer uralten Tradition zu tun, denn auch im Euchologium des Serapion von Thmuis findet sich ein Gebet, das man sowohl zur Öl- als auch zur Brot- oder zur Wasserweihe verwenden kann, in dem um Gesundheit und Abwehr der Dämonen gebetet wird11.

Ich ziehe aus alledem den Schluß: Wenn es auch nur spärliche Nachrichten darüber gibt, gibt es doch offenbar eine Weihwassertradition, die bis in die Zeit des Mose zurückreicht. Auch an diesem Punkt dürfte Jesus das mosaische Gesetz nicht einfach aufgehoben, sondern erfüllt und transformiert haben. Im Alten Testament erscheint das Weihwasser nur im Zusammenhang mit der Weihe der Leviten. Dagegen ist sein Gebrauch in der alten Kirche offenbar entgrenzt. Jeder Christ, der krank ist oder seelische Anfechtungen hat, kann es verwenden. In ähnlicher Weise ist ja auch die besondere Priesterwaschung und -salbung des alten Bundes zum Tauf- und Firmsakrament eines jeden Christen geworden.

Zum Schluß noch eine kurze Überlegung zu einem weiteren Punkt, der in diesem Zusammenhang bedacht werden muß. Zum katholischen Weihwasser gehört auch etwas geweihtes Salz. Was ist zu dieser Zutat zum Weihwasser zu sagen? Auch hier scheint es eine alte Tradition zu geben, die schon bis zum Gesetz des Mose zurückreicht. So heißt es in den Vorschriften zum Opfer:

Alle deine Speisopfer sollst du salzen, und dein Speisopfer soll niemals ohne Salz des Bundes deines Gottes sein; bei allen deinen Opfern sollst du Salz darbringen.
(3.Mose 2,13 / vgl Hes 43,24)

Zu jedem kultischen Opfer gehörte also Salz. Besonders eingeschärft wird diese Vorschrift in Hinblick auf das Speisopfer - vielleicht gab es Israeliten, die sich in diesem Punkt bisher großzügiger verhielten - und das Salz wird in diesem Zusammenhang betont und feierlich als „Salz des Bundes deines Gottes“ bezeichnet.

Ob mit dieser feierlichen Bezeichnung zugleich ausgedrückt ist, daß es sich um geweihtes Salz handelt, ist nicht ganz klar, es gibt aber noch weitere Stellen im Alten Testament, die dies mit größter Wahrscheinlichkeit nahelegen. So mußte nach dem Gesetz des Mose auch dem Weihrauch etwas Salz hinzugefügt werden. In der Anordnung dazu heißt es:

Und der HERR sprach zu Mose: Nimm dir Spezerei: Balsam, Stakte, Galbanum und reinen Weihrauch, vom einen soviel wie vom andern, und mache Räucherwerk daraus, gemengt nach der Kunst des Salbenbereiters, gesalzen, rein, zum heiligen Gebrauch.
(2.Mose 30,34+35)

Die Worte „gesalzen, rein, zum heiligen Gebrauch“ reden klar erkennbar von einer kultischen Reinheit, und sie legen nahe, daß die kultische Reinheit durch geweihtes, wenn nicht sogar exorzisiertes Salz bewirkt wird, auch wenn dies nicht ausdrücklich erklärt wird.

In die gleiche Richtung weist auch das Wort Jesu, das ganz unverständlich wäre, wenn es nicht von geweihtem, alle teuflische Bosheit vertreibenden Salz reden würde:

Wenn dir dein Auge Ärgernis schafft, so wirf’s von dir! Es ist besser, daß du einäugig in das Reich Gottes gehest, als daß du zwei Augen habest und werdest in die Hölle geworfen, wo ihr Wurm nicht stirbt und ihr Feuer nicht verlöscht. Es muß ein jeglicher mit Feuer gesalzen werden, denn jedes Opfer wird mit Salz gesalzen.
(Mk 9,47-49)

Der letzte, schwer verständliche Satz bekommt ja dann einen Sinn, wenn man davon ausgeht, daß das alttestamentliche Opfertier erst durch das geweihte, exorzisierende Salz gereinigt wird, bevor es als reines Opfer vor Gott verbrannt werden kann. In gleicher Weise wird demnach der zur Hölle verdammte Sünder durch das Höllenfeuer zunächst gereinigt - Jesus sagt „gesalzen“ - und dann als ein Opfer vor Gott verbrannt.

Die bisherigen Stellen belegen also, daß es schon zu biblischen Zeiten einen liturgischen Gebrauch von Salz gab, das offenbar geweiht war und zur kultischen Reinigung diente. Dieses Salz spielte bei den Opfern und beim Weihräuchern eine wichtige Rolle. Es gibt aber außerdem noch eine Stelle im Alten Testament, wo von einer Verbindung von Wasser und Salz die Rede ist, ähnlich wie es im kirchlichen Weihwasser vorkommt. Im 2. Königebuch heißt es:

die Männer der Stadt (Jericho) sprachen zu Elisa: Siehe, es ist gut wohnen in dieser Stadt ... aber es ist böses Wasser, und es macht unfruchtbar. Er sprach: Bringt mir her eine neue Schale und tut Salz hinein! Und sie brachten´s ihm. Da ging er hinaus zu der Wasserquelle und warf das Salz hinein und sprach: So spricht der HERR: Ich habe dies Wasser gesund gemacht, es soll hinfort weder Tod noch Unfruchtbarkeit von ihm kommen. So wurde das Wasser gesund bis auf diesen Tag nach dem Wort Elisas, das er sprach.
(2.Kg 2,19-22)

Bei diesem Bericht ist zu beachten, daß Elisa nicht einfach nur Salz verlangt, sondern, daß er möchte, daß ihm das Salz in einer neuen Schale gebracht wird. Daß es eine neue Schale sein soll, läßt auch hier auf einen kultischen Gebrauch des Salzes schließen. Das aber läßt wiederum darauf schließen, daß es sich ebenfalls um geweihtes Salz gehandelt haben wird.

Daß dies nicht extra erwähnt wird, braucht niemanden zu wundern, denn das Alte Testament verweigert uns - wie das Neue Testament - viele kultische Details. Daß beispielsweise ein Opfertier im alten Bund gesegnet wurde, erfährt man nur beiläufig aus der Geschichte von der Salbung des Saul (1.Sam 9,13). Im Gesetz des Mose findet sich davon keine Spur. Genauso ist es ja auch mit dem Abendmahl im Neuen Testament. Auch hier hört man von dem dazugehörigen Segen nur beiläufig an einer Stelle, in der es eigentlich um das Problem des Götzenopferfleisches geht (1.Kor 10,16). Von den vielen Gebeten, die doch sicher zum alttestamentlichen Opfergottesdienst gehörten, findet sich nichts im Gesetz des Mose. Man könnte eine lange Liste aufstellen, wo zumindest das Alte Testament genauere kultische Angaben verweigert. Man darf sich also nicht wundern, wenn von einer Weihe des Salzes, das Elisa in Jericho verwandt hat, nichts verlautet; die Tatsache, daß von einer neuen Schale die Rede ist, ist im Rahmen der Bibel Hinweis genug12.

Insgesamt legen die verschiedenen oben angeführten Bibelstellen nachdrücklich den Schluß nahe, daß es schon im alten Bund ein geweihtes Salz gab, das eine reinigende, das heißt: eine exorzisierende Wirkung gehabt hat. Und zumindest in einem Fall sehen wir, daß das Salz, dem Wasser beigemengt, eine wunderbar reinigende und heilsame Wirkung hatte.

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Über den Gebrauch von geweihtem Salz in der alten Kirche ist mir nichts bekannt, ich möchte allerdings vermuten, daß es hier eine untergründige Tradition gab, die bis zu den biblischen Zeiten zurückreichte. Die älteste Nachricht über exorzisiertes Salz kommt aus dem 6. Jahrhundert. In dieser Zeit erwähnt der römische Diakon Johannes einen Brauch der römischen Kirche, nach dem den Täuflingen etwas exorzisiertes Salz in den Mund gelegt wurde13.

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Das vermutlich sehr alte Salzweihegebet des vorkonziliaren Rituale Romanum besteht aus einem Exorzismus und einem Weihegebet. Hier zunächst der Wortlaut des Exorzismus, aus dem hervorgeht, daß man dieses Salz früher weit vielfältiger gebraucht hat als nur zur Beimischung zum Weihwasser:

Ich beschwöre dich, von Gott geschaffenes Salz, bei dem lebendigen Gott, bei dem wahren Gott, bei dem heiligen Gott, bei dem Gott, der dich durch den Propheten Elisa ins Wasser werfen ließ, um es brauchbar zu machen: Werde gereinigtes Salz zum Heil der Gläubigen, auf daß du allen, die dich genießen, zur leiblichen und geistigen Gesundheit gereichest und von jedem Ort, an dem du ausgestreut wirst, alles spukhafte, böswillige und verschlagene Ränkespiel des Teufels und jeder unreine Geist fliehe und weiche! Du wirst beschworen durch den, der kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten und diese Welt durch das Feuer!  Amen.

Das Weihegebet lautet:

Allmächtiger ewiger Gott! Deine große Güte rufen wir in Demut an: Du wollest dieses Salz, das Du geschaffen und dem Menschengeschlecht zum Gebrauch gegeben hast, gnädig segnen und heiligen, auf daß es allen, die es genießen, geistige und leibliche Gesundheit schenke und alles, was mit ihm in Berührung kommt oder bestreut wird, bewahrt werde vor aller Unsauberkeit und aller Nachstellung des bösen Geistes. Durch unseren Herren Jesus Christus.  Amen.

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Zusammenfassend ist zu sagen: Wir haben in der Frage der Gewänderweihe wie auch des Weihwassers mit seinem gesegneten Salz nicht viel in Händen. Es hängt mehr vom Gesamtverständnis ab, das jemand von den biblischen und altkirchlichen Riten hat, falls er sich für eine Gewänderweihe entschließen sollte. Nach meiner Sicht der Dinge ist es allerdings wahrscheinlich, daß wir es hier mit einer uralten, kontinuierlich bis zur Zeit des Mose zurückreichenden Tradition zu tun haben. Dabei handelt es sich gewiß nicht um eine Zentralfrage des christlichen Glaubens. Wenn aber jemand sich zur Weihe seiner Gewänder entschließt, werden die schönen Gebete, die dabei gesprochen werden, gewiß nicht schaden.

 

Anmerkungen



1.) Hebr 10,25-27.

2.) 3.Mose 8,6-12.

3.) 1.Clem 40,5 / 42,1-4 / 44,1+2.

4.) Mal 1,11. Die üblichen Bibelübersetzungen geben diesen Vers zwar in der Regel im Perfekt wieder, er ist aber zweifellos im Futurum zu lesen.

5.) Bruno Kleinheyer „Ordinationen und Beauftragungen“ in „Gottesdienst der Kirche. Handbuch der Liturgiewissenschaft“ Teil 8,II (Regensburg 1984) Seite 41f.

6.) de Puniet „Das römische Pontifikale. Geschichte und Kommentar“ Bd I (Klosterneuburg 1935) Seite 227.

7.) A.a.O. Seite 38.

8.) Vgl dazu meinen Anhang zum Altarweiheaufsatz.

9.) Siehe dazu meinen Aufsatz „Entsakralisierung“.

10.) 2.Mose 30,25-29.

11.) BKV25,156f.

12.) In Hes 16,4 wird vorausgesetzt, daß ein neugebornes Kind sogleich gewaschen und mit Salz eingerieben wurde. Ob es sich bei der Einreibung mit Salz um eine schlichte hygienische Maßnahme handelte oder um einen Brauch mit kultischem Hintergrund, ist nicht erkennbar. Das Letztere ist jedoch im Kontext des übrigen AT sehr wahrscheinlich.

13.) Joseph Braun „Liturgisches Handlexikon“ (Regensburg 1922) Seite 266.

 

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